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Die unsichtbare Architektur politischer und wirtschaftlicher Macht. Teil I: Wie sich finanzielle Macht verändert hat
Think Tank 1-09-2026, 14:00
von Andreas Funke und Dr. Klaus Maurer
Intro – Die unsichtbare Hand über dem Aktienmarkt
Stellen wir uns einen ganz gewöhnlichen Menschen vor. Er arbeitet vierzig Jahre, zahlt jeden Monat in seine Altersvorsorge ein und besitzt vielleicht ein paar Fonds. Er hat nie eine Aktie von Apple gekauft, eine Hauptversammlung besucht und er weiß nicht, wer über die Unternehmen abstimmt, an denen er beteiligt ist. Er ist, ohne es zu wissen, Miteigentümer der größten Unternehmen der Welt.
Sein Geld fließt in einen Fonds, wovon Aktien gekauft werden. Die Aktien liegen bei einer Verwahrstelle. Ein großer Vermögensverwalter organisiert das Portfolio.
Und wenn auf der Hauptversammlung eines internationalen Konzerns über Rendite, Unternehmensstrategie oder einen Zusammenschluss abgestimmt wird, sitzt nicht unser Arbeitnehmer aus München, Leipzig oder Hamburg am Tisch, sondern vielleicht BlackRock, Vanguard oder State Street. Der einzelne Sparer besitzt zwar einen winzigen Teil eines Unternehmens, aber er hat weder die Zeit noch das Wissen, seinen Einfluss selbst auszuüben. Das macht für ihn einen Vermögensverwalter, eine neue Form wirtschaftlicher Macht.
Vom Bankenkapital zum Kapitalverwalter
Die Funktionsweise dieser Macht ist relativ neu. Ein Bankier früherer Zeiten saß hinter einem Schreibtisch und entschied, welchem Unternehmer ein Kredit gewährt wurde. Seine Macht beruhte auf der Kontrolle über Geld. Der moderne Vermögensverwalter muss nicht einmal das Geld selbst besitzen. Seine Macht entsteht daraus, dass Millionen Menschen ihm die Verwaltung ihres Geldes anvertrauen. Je mehr Menschen ihr Kapital über Fonds investieren, desto stärker und konzentrierter ist die Macht des Vermögensverwalters. Das bedeutet, dass BlackRock nichts "besitzt". Ende 2025 verwaltete BlackRock rund 14 Billionen US-Dollar. Und allein diese "Verwaltung" bedeutet Kontrolle und Macht. Neben BlackRock existieren noch andere: Vanguard, State Street, Fidelity, JPMorgan, Goldman Sachs, Versicherungen, Pensionsfonds, Private-Equity-Gesellschaften, Zentralbanken. Ratingagenturen, Börsen, Aufsichtsbehörden und internationale Finanzinstitutionen.
Es geht somit nicht mehr um die Frage: "Wem gehört dieses oder jenes Unternehmen?" Sondern: "Wer hat die Kontrolle beziehungsweise die Macht darüber?" Eigentum und Macht sind nicht mehr dasselbe. Genau in diesem Zwischenraum ist eine neue Form der Finanzmacht entstanden. Sie ist schwer zu erkennen. Das ist die eigentliche Geschichte hinter BlackRock, Vanguard und Co.
Und um sie zu verstehen, müssen wir weiter zurückgehen, in eine Zeit, in der Banken noch anders organisiert waren. Zu Glass-Steagall, Roosevelt, Reagan und Clinton – den Mastern der "Deregulierung".
Viele von uns fragen sich: "Wer kontrolliert die Welt?" Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Aber man kann sich der Wahrheit zumindest nähern, indem man die Frage stellt: "Wie konnte ein Finanzsystem entstehen, in dem wirtschaftliche Macht zunehmend von denjenigen ausgeübt wird, die Kapital nicht unbedingt besitzen, sondern es im Namen von Millionen anderer organisieren?"
Hinzu kommt eine zweite Entwicklung: die zunehmende Konzentration der Kapitalmärkte. Eine wissenschaftliche Untersuchung von Fusionen, Lobbying und politischer Einflussnahme in den USA fand einen Zusammenhang zwischen stärkerer Marktkonzentration und höheren Lobbying- bzw. politischen Aktivitäten. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass mehr Konzentration an der Macht dazu führt, dass politische Entscheidungen "gekauft" werden. Dies zeigt, dass wirtschaftliche und politische Macht sich gegenseitig verstärken können.
Damit sind wir bei einem viel grundsätzlicheren Problem angelangt: Märkte sind nicht einfach natürliche Räume, in denen Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Sie werden durch Gesetze, Eigentumsrechte, Bilanzregeln, Steuerrecht, Insolvenzrecht, Zentralbankpolitik und Finanzmarktregulierung politisch konstruiert. Wer diese Regeln beeinflussen kann, beeinflusst damit den Markt. Genau hier wird die Geschichte der vergangenen fünf Jahrzehnte wichtig.
Reagan und der Beginn einer neuen Finanzordnung
Die Deregulierung der Finanzmärkte begann bereits vor Reagan unter früheren Regierungen, und viele Veränderungen waren Reaktionen auf reale Probleme: Inflation, Zinsregulierung, technologische Veränderungen und die Krise der amerikanischen Savings-and-Loan-Institute.
1980 wurde mit dem "Depository Institutions Deregulation and Monetary Control Act" eine Reihe von Beschränkungen des traditionellen Bankwesens gelockert. 1982 folgte unter Reagan der "Garn-St.-Germain-Act". Er erweiterte unter anderem die Möglichkeiten von "Savings-and-Loan-Instituten" und lockerte bestimmte Beschränkungen bei ihren Geschäften.
Die Ironie besteht darin, dass Deregulierung als Antwort auf Krisen eingeführt wurde, die wiederum aus den Deregulierungen früherer Jahre entstanden waren.
Damit begann ein Muster, das sich später wiederholen sollte: Deregulierung führt zu Problemen, die Antwort: noch mehr Deregulierung.
Clinton und die endgültige Auflösung der alten Trennlinie
Der entscheidende Schritt erfolgte Ende der 1990er Jahre. Das "Glass-Steagall-System" von 1933 hatte nach der Weltwirtschaftskrise eine institutionelle Trennung zwischen bestimmten Formen des Geschäftsbank- und Investmentbankgeschäfts geschaffen ("Trennbankensystem"). Die Idee dahinter war: Banken sollten nicht gleichzeitig die Spareinlagen der Bevölkerung verwalten und in gleichem Umfang spekulative bzw. kapitalmarktbezogene Geschäfte betreiben können.
1999 verabschiedete der US-Kongress den "Gramm-Leach-Bliley Act" und Präsident Clinton unterzeichnete ihn. Das Gesetz erlaubte damit eine weitergehende Verbindung von Banken, Wertpapierhäusern und Versicherungsunternehmen.
Die interessante Frage lautet: "Wer profitiert von dieser Deregulierung?"
Die Finanzindustrie hatte ein starkes Interesse an Integration und Deregulierung. Große Finanzkonzerne wollten Bankgeschäft, Wertpapiergeschäft und Versicherung verbinden, wegen der Synergieeffekte und weil man das Geld der Sparer zu deren Risiko für Spekulationsgewinne nutzen wollte, was im Trennbankensystem so nicht möglich war.
Robert Rubin, zuvor Vorsitzender von Goldman Sachs, wurde Clintons Finanzminister und später Verwaltungsratsvorsitzender von Citigroup. Die personelle Durchlässigkeit zwischen Wall Street, Regierung, Zentralbanken, Universitäten und Thinktanks ist deshalb ein wichtiger Untersuchungsgegenstand. Hier kommt der Begriff "revolving door" – "Drehtür" – ins Spiel:
Menschen wechseln zwischen Ministerien, Aufsichtsbehörden, Zentralbanken, Investmentbanken, Universitäten und Thinktanks. Das Problem entsteht, wenn dadurch eine verfilzte, eigene Kaste entsteht.
Regierung, Finanzindustrie und wirtschaftspolitische Experten teilen zunehmend dieselben Grundannahmen darüber, was als "vernünftige Finanzpolitik" gilt. “ Das ist eine sehr subtile Form von Macht.
Das geht so weit, dass am Ende die Banken der Regierung befehlen, was sie zu tun hat.
Der eigentliche Machtwechsel
In diesem Licht erscheinen BlackRock oder Vanguard als Folge einer Entwicklung und nicht als deren Ursprung. Die alte Finanzmacht beruhte auf Banken, die Kredite vergaben, Unternehmen finanzierten und Einlagen verwalteten. Die neue Finanzmacht beruht zusätzlich auf globalen Kapitalverwaltern, die gigantische Portfolios bündeln, Risiken verteilen, Stimmrechte ausüben und als Entscheider in Unternehmen und Regierungen auftreten.
Eine wichtige Frage bleibt: "Was passiert mit einer Demokratie, wenn ein relativ kleiner Kreis privater Finanzintermediäre dauerhaft die Entscheidungsprozesse der Wirtschaft dominieren?"
Diese Frage führt direkt zum zweiten Teil: zur Federal Reserve, zur internationalen Finanzarchitektur und zu der Frage, ob die Machtkonzentration unter einem Trennbankensystem und einem Goldstandard überhaupt in derselben Form hätte entstehen können.
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