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Die verborgene Geschichte der Vereinigten Staaten. Teil I: Durch Landraub zum Kontinent

Think Tank 31-07-2026, 06:30

von Dr. Klaus Maurer

1607–1890

Ein fremdes Land – ein neuer Anfang

Der Nebel liegt über den Flussmündungen der Chesapeake Bay. Zwischen den Bäumen steigen Rauchfahnen auf. Seit Jahrhunderten leben hier "Algonkin"-sprechende Ureinwohner. Diese Menschen kennen die Flüsse und die Wälder. Ihre Dörfer sind nicht zufällig aneinandergereiht, sondern fester Bestandteil einer gewachsenen Kultur mit Handel, festen sozialen Strukturen und Diplomatie.

Am Horizont erscheinen Segel. Sie sind für die Bewohner des Landes nur fremde Schatten auf dem Meer. Sie ahnen nicht, dass mit diesen Schiffen nicht nur Menschen ankommen, sondern ihre eigene Lebensweise und Kultur zerstört wird. Neue Vorstellungen von Eigentum, Macht und Herrschaft werden ihr Leben entweder kurzerhand beenden oder zumindest massiv verändern.

Millionen Menschen leben bereits auf diesem Kontinent. Mit eigenen Sprachen, politischen Bündnissen, Handelsnetzwerken und eigener Kultur. Die Ankunft der Engländer ist der Beginn einer Begegnung zweier Welten. Die Geschichte der USA beginnt nicht mit der Verfassung von 1787 und auch nicht mit der Unabhängigkeit 1776. Sie beginnt schon mit der europäischen Einwanderung in den Jahrzehnten und Jahrhunderten davor. Es ist eine Geschichte der Enteignung, der Vertreibung und der Gewalt.

Die Geburt einer Siedlergesellschaft

Das Land gehört dem, der es nimmt? Für die europäischen Siedler war Land die Grundlage von Freiheit und Wohlstand. Wer Land besaß, konnte wirtschaftlich unabhängig werden. Land bedeutete Nahrung, Eigentum, gesellschaftliches Ansehen und politische Rechte. In einer Zeit, in der Europa von starren sozialen Hierarchien geprägt war, versprach Nordamerika, dass jeder Mensch durch Arbeit und Entschlossenheit aufsteigen konnte. Hierfür musste das Land verfügbar sein.

Im Gegensatz zu den europäischen Einwanderern kannten die indigenen Gesellschaften zwar Besitzrechte, für sie war Land jedoch nicht einfach eine Ware, die gekauft, verkauft und dauerhaft einem Einzelnen übertragen werden konnte. Es war Teil eines sozialen, spirituellen und wirtschaftlichen Systems.

Europa exportiert seine Probleme

Die Menschen, die nach Nordamerika einwanderten, verließen ein Europa, das von tiefen Krisen erschüttert war. Im England des 17. Jahrhunderts wandelten große Landbesitzer Gemeinschaftsflächen zunehmend in privates Eigentum. Viele Kleinbauern wurden verdrängt. Es gab eine wachsende Schicht von Menschen ohne Existenzgrundlage.

Die Reformation hatte Europa politisch und gesellschaftlich gespalten. Der Dreißigjährige Krieg endete erst 1648. Religiöse Minderheiten suchten außerhalb Europas religiöse Toleranz und wirtschaftliche Freiheit. Nordamerika wurde zur Hoffnung für viele.

Die Auswanderer waren eher kein Spiegelbild der europäischen Gesellschaft – sondern eine besondere Auslese.

Wer wanderte tatsächlich aus?

Der Mythos von Amerika als Zuflucht für religiös Verfolgte ist nur ein unbedeutender Teil der Geschichte. Als Einwanderer kamen natürlich religiöse Siedler, wie die Puritaner, die in Neuengland eigene Gemeinschaften aufbauen wollten. Sie waren überzeugt, ein "moralisches Beispiel" für die Welt zu schaffen.

Händler und Unternehmer sahen in den Kolonien wirtschaftliche Chancen. Handwerker und Bauern, die in Europa kaum Aussicht auf sozialen Aufstieg hatten, sowie junge Männer, die als "Glücksritter" Abenteuer und Reichtum suchten, witterten ihre Chancen.

Und dann waren da noch die Vertragsarbeiter. Viele arme Europäer konnten die Überfahrt nicht bezahlen. Sie verpflichteten sich deshalb, mehrere Jahre für einen Arbeitgeber zu arbeiten. Danach erhielten sie – zumindest theoretisch – ihre Freiheit. Darüber hinaus wurden auch Strafgefangene in die nordamerikanischen Kolonien transportiert. Die nordamerikanische koloniale Gesellschaft war Hoffnung und Abhängigkeit zugleich.

Die Kolonien zogen viele Menschen an, die eine Aufbau- und eine Gründermentalität hatten, die bereit waren, hohe Risiken einzugehen. Sie hatten offenbar nur geringe Bindungen an ihre Heimat. Die Bereitschaft, eine vertraute Umgebung zu verlassen und in eine unsichere Zukunft aufzubrechen, war damit tief in der Mentalität der späteren US-amerikanischen Gesellschaft angelegt.

Die Wirtschaft hinter dem Traum

Hinter der Kolonisation stand vor allem wirtschaftliches Interesse. Koloniale Siedlungen beispielsweise waren keine spontanen Abenteuer einzelner Siedler, sondern wurden unter anderem von der Virginia Company organisiert, einer Handelsgesellschaft, deren Investoren Gewinne erwarteten. Land war der wichtigste Reichtum. Die Nachfrage in Europa nach Tabak führte zu einem gigantischen Bedarf an Arbeitskräften und machte Plantagenbesitzer reich. Anfangs gab es viele europäische Vertragsarbeiter auf den Plantagen. Später aus Afrika stammende Sklaven. Es bestand somit ein Spannungsverhältnis: Einerseits wurden Freiheit und Selbstbestimmung propagiert, andererseits bestanden Abhängigkeit und Ausbeutung.

Die ersten Konflikte mit den indigenen Völkern

In den ersten Jahren waren die Kolonisten auf die Unterstützung der indigenen Bevölkerung angewiesen. Ohne Kenntnisse über Landwirtschaft, Jagd und die Umgebung hätten viele der englischen Siedler vermutlich nicht überlebt. Es gab Handel und diplomatische Kontakte.

Das grundlegende Problem: Die Zahl der europäischen Siedler stieg stetig. Jede neue Familie benötigte Land. Was zunächst ein Nebeneinander war, entwickelte sich zunehmend zur Konkurrenz.

Im "Ersten Anglo-Powhatan-Krieg" (1610–1614) kämpften Siedler nicht nur um einzelne Gebiete, sondern um die Frage, wer die politische Ordnung der Region bestimmen wird. In der Folge wurden die indigenen Gemeinschaften immer stärker zurückgedrängt.

Gewalt als Grundlage der Expansion

Die langfristigen Kräfteverhältnisse waren extrem ungleich. Die Siedler verfügten über Zustrom neuer Menschen und über größere militärische Ressourcen. In der Folge zeigte sich ein Muster, das sich auf dem gesamten Kontinent durchsetzen sollte: Interesse am Land förderte Krieg. Krieg führte zur Schwächung indigener Gemeinschaften. Dies erleichterte weitere Expansion.

Unabhängigkeit

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatten sich die britischen Kolonien an der Atlantikküste stark verändert. Es entstanden kleinstädtische Siedlungen mit starker Tradition zur lokalen Selbstverwaltung.

Die Vereinigten Staaten wurden nicht aus dem Nichts geboren. Als die Kolonisten 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten, übernahmen sie viele Entwicklungen, die bereits in den 150 Jahren zuvor entstanden waren.

Als die Vereinigten Staaten 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten, kontrollierten sie zunächst nur einen schmalen Streifen entlang der Atlantikküste. Doch ihre politischen Führer blickten bereits nach Westen. Hinter den Appalachen lagen riesige Gebiete, die bereits von anderen Mächten beansprucht wurden. Ein Kontinent gehört dem, der ihn erobert.

Frühjahr 1838: Menschenkolonnen ziehen unter Bewachung bewaffneter Soldaten durch den Südosten der heutigen USA nach Westen. Männer, Frauen und Kinder. Viele haben nur wenige Habseligkeiten dabei. Die meisten zu Fuß, wenige auf einfachen Wagen. Es sind Angehörige der Cherokee-Nation. Ihre Heimat liegt im heutigen Georgia, Tennessee und North Carolina. Obwohl sie sich an die neue politische Realität angepasst hatten, mit eigener Schrift, eigenen Schulen, eigenen Zeitungen, mit landwirtschaftlichen und politischen Strukturen wie die weiße Mehrheitsgesellschaft, werden sie auf der Basis des "Indian Removal Act von 1830" vertrieben. Dieser später als "Trail of Tears" bekannt gewordene Vertreibungsweg kostet Tausende Menschen das Leben.

Es ist nur ein kleines Beispiel für die Verbrechen der US-amerikanischen Siedler und ihrer verbrecherischen Regierungen.

Die Republik und ihre Doppelmoral

Mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 und der Verfassung von 1787 entstand ein gigantisches Phänomen der Doppelmoral.

Propagiert wurden Ideen, die für ihre Zeit revolutionär waren: politische Mitbestimmung, Volkssouveränität, individuelle Rechte und Begrenzung staatlicher Macht.

Demgegenüber waren Frauen politisch ausgeschlossen, indigene Völker wurden vertrieben und ausgerottet, Afroamerikaner lebten weiterhin in Sklaverei.

Während der Kolonialzeit und noch lange nach der Unabhängigkeit waren weite Teile Nordamerikas nur dünn besiedelt. Sheriffs, Gerichte und staatliche Verwaltung existierten oft nur auf dem Papier. In den Grenzgebieten ("Frontier") lösten Siedler ihre Konflikte häufig selbst. Hierdurch bestand eine Grundhaltung zur Selbstjustiz, Waffenbesitz galt als selbstverständliches und notwendiges Mittel zum Schutz von Eigentum und Familie.

Der Drang nach Westen

Die Gier nach Land und Profiten ließ die Siedler und ihre politische Machtelite immer weiter nach Westen vorstoßen. Doch der Westen war nicht leer. Er war Heimat zahlreicher indigener Nationen. In diesem Vorstoß nach Westen wurde Gewalt häufig als legitimes Mittel der Auseinandersetzung gesehen und dementsprechend praktiziert. Letztlich ging es immer darum, politische und wirtschaftliche Ziele durchzusetzen.

1803 kaufte Präsident Thomas Jefferson von Frankreich ein riesiges Gebiet westlich des Mississippi.

Der sogenannte "Louisiana Purchase" verdoppelte nahezu die Fläche der USA. Eine kleine Küstenrepublik wurde damit zu einer kontinentalen Macht. Der Kaufvertrag zwischen Frankreich und den USA ignorierte komplett die Menschen, die in diesem Gebiet lebten. Dieser Vorgang war typisch für die Epoche: Europäische und amerikanische Regierungen verhandelten über Land, das ihnen nicht gehörte, sondern Menschen, die nicht berücksichtigt wurden.

In den 1840er Jahren erhielt der amerikanische Expansionsgedanke einen Namen: "Manifest Destiny". Der Begriff stammt vom Journalisten John L. O’Sullivan aus dem Jahre 1845.

Er beinhaltete die Überzeugung, dass die USA von Gott dazu bestimmt seien, den nordamerikanischen Kontinent zu besiedeln. Eine gefährliche Mischung aus Nationalismus, religiöser Überzeugung und Machtstreben.

Wenn eine Machtelite glaubt, eine historische Mission zu erfüllen, kann Expansion und damit verbundener Völkermord leicht als moralische Pflicht dargestellt werden.

Die nächste große Phase der Expansion führte die Vereinigten Staaten nach Süden und Westen. Der Konflikt mit Mexiko war vorhersehbar und eskalierte. 1846 begann der Mexikanisch-Amerikanische Krieg. Nach dem Sieg hatten die USA das Gebiet der heutigen Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Utah sowie Teile von Arizona, Colorado, New Mexico und Wyoming einverleibt.

Black Kettle empfängt die US-Soldaten unter amerikanischer Flagge – im Vertrauen auf zugesicherten Schutz. Wenig später wird Sand Creek zum Sinnbild gebrochener Verträge, staatlicher Gewalt und einer Expansion, die sich selbst als Zivilisation feierte.
Black Kettle empfängt die US-Soldaten unter amerikanischer Flagge – im Vertrauen auf zugesicherten Schutz. Wenig später wird Sand Creek zum Sinnbild gebrochener Verträge, staatlicher Gewalt und einer Expansion, die sich selbst als Zivilisation feierte. Author: Stone Rabbit / CC-BY-SA-4.0

Der Mythos des "Wilden Westens"

Die Epoche der gewalthaften Besiedlung des Westens mit der Vertreibung und dem dazugehörigen Völkermord an den Indigenen prägt das Selbstbild der USA bis heute. Filme, Romane und Legenden heroisieren Cowboys, Sheriffs und Pioniere, die eine "ungezähmte Wildnis" erschließen und dabei massenhaft "Rothäute" erschießen. Der Grundsatz "Der Zweck heiligt die Mittel" wird beschönigt, auch Krieg und Völkermord werden als "Abenteuer" verkauft. Der Zuschauer und der Leser erfahren regelmäßig: Das Recht des Stärkeren ist das einzige Recht, das zählt.

Historiker weisen jedoch darauf hin, dass das Bild des "Wilden Westens" durch Romane und Filme oft romantisiert wurde. Gewalt war verbreitet, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt.

Die Expansion beruhte nicht wesentlich auf Mut und Pioniergeist, sondern auf militärischer Gewalt, Entrechtung und Mord an Schwächeren.

Im 19. Jahrhundert wurde die Vertreibung und Ausrottung indigener Völker noch systematischer betrieben. Massaker wurden organisiert, Verträge wurden geschlossen und später meist gebrochen. Vertraglich zugesagte Gebiete wurden willkürlich unter Vertragsbruch verkleinert. Menschen wurden in Reservate gezwungen. Kinder wurden ihren Familien entrissen und in Internate gebracht, wo sie von ihren sprachlichen und kulturellen Wurzeln gezielt abgeschnitten wurden.

Am 29. Dezember 1890 treffen Soldaten des 7. US-Kavallerieregiments am Wounded Knee Creek in South Dakota auf eine Gruppe Lakota. Die Situation eskaliert. Es folgt eines der letzten großen Massaker im Völkermord an den indigenen Völkern. Hunderte Männer, Frauen und Kinder werden getötet.

Zwischenfazit:

Aus einer ehemaligen Kolonie ist eine kontinentale Macht geworden. Durch Siedler, die nach Amerika gegangen sind, weil sie in ihren Herkunftsländern entweder als Kriminelle verfolgt wurden oder als "Underdogs" keine Chance hatten. Sie bejahten und organisierten den Landraub, den Völkermord an den Indigenen, und sie gingen in die Armee und führten Krieg zur Expansion.

Im Ergebnis sehen wir eine politische Grundhaltung, in der Doppelmoral, das Recht des Stärkeren, Landraub, Völkermord und Expansion und damit Profitstreben um jeden Preis als notwendiger Bestandteil nationaler Entwicklung betrachtet werden.



Den zweiten Teil dieses Artikels finden Sie unter diesem Link: Die verborgene Geschichte der Vereinigten Staaten. Teil II: Vom Kontinent zur Weltmacht


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