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Raketen ohne seltene Erden: Wie Deutschland Rüstungsmassenproduktion ohne Rohstoffe plant
Heute, 11:09

von Jochen Mitschka
Zwei Meldungen passen zusammen: Audi „verleiht“ Facharbeiter an die Rüstungsindustrie, um gegen Russland aufzurüsten, und gleichzeitig versucht die Bundesregierung chinesische Investitionen in einen Mittelständler zu verhindern, also quasi China zu sanktionieren?
Deutschland hat kaum eigene Rohstoffe. Das ist kein Geheimnis, sondern der Kern des deutschen Geschäftsmodells: Man importiert, veredelt und exportiert. Dieses Modell beruhte jahrzehntelang auf zwei Säulen, billiger Energie und Rohstoffen aus Russland und verlässlichen Lieferketten aus Asien. Die erste Säule hat die Politik selbst gesprengt. Die zweite beginnt gerade zu wackeln, und trotzdem sucht Berlin die Konfrontation mit dem nächsten Lieferanten. Was soll das werden?
Die erste Säule: freiwillig abgesägt
Vor 2022 kam rund die Hälfte des deutschen Erdgases aus Russland, dazu erhebliche Teile von Öl und Steinkohle. Die Bundesregierung hat diese Verbindung nicht erst durch den Krieg verloren, sie hat sie aktiv gekappt: durch Sanktionspakete, durch den Verzicht auf Nord Stream, durch den politischen Beschluss, sich „unabhängig“ zu machen. Das Ergebnis war keine Unabhängigkeit, sondern ein Lieferantenwechsel. Heute kauft Deutschland teures Flüssiggas, zu einem erheblichen Teil aus den USA, und die energieintensive Industrie rechnet seither mit anderen Zahlen als ihre Konkurrenz in Asien. Der verlorene auftrebende Absatzmarkt ist für Jahrzehnte verloren, vermutlich für immer, die Aufwendungen der Industrie zur Eroberung des Marktes müssen abgeschrieben werden.
Man kann den Schritt moralisch begründen. Wirtschaftlich war er ein Verzicht auf den günstigsten Lieferanten vor der Haustür, und zwar ohne gleichwertigen Ersatz. Wer das als „Resilienz“ verkauft, sollte erklären, wo die Resilienz liegt, wenn man die Abhängigkeit von einem Land gegen die Abhängigkeit von mehreren, teureren, fernen Ländern tauscht. Noch dazu, wenn der wichtigste Lieferant bereits einen großen Teil der Welt mit Sanktionen und Wirtschaftskrieg unter seine Gewalt bringen will.
Die zweite Säule: Made in China
Und hier beginnt das eigentliche Problem. Die Vorprodukte, auf die Autobauer, Maschinenbauer, Elektroindustrie und Rüstung angewiesen sind, kommen zunehmend aus China. Besonders deutlich ist das bei Seltenen Erden. Laut ZVEI-Angaben stammten 65,5 Prozent der deutschen Importe aus China. Rund 90 Prozent der weltweiten Verarbeitung für die industrielle Nutzung laufen über China, bei einigen schweren Seltenen Erden für Permanentmagnete liegt der Weltmarktanteil nach Angaben der WKO sogar über 99 Prozent.
Peking hat diese Stellung bereits als Druckmittel eingesetzt. Im April 2025 wurden Exportkontrollen für sieben Seltene Erden eingeführt, im Oktober folgte eine Verschärfung. Nach der vorläufigen Einigung zwischen den USA und China Ende Oktober wurden die Kontrollen für ein Jahr ausgesetzt, wobei unklar blieb, was das für bereits geltende Regeln heißt. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche musste in einem Telefonat mit ihrem chinesischen Amtskollegen um ein „diskriminierungsfreies, transparentes und beschleunigtes Verfahren“ für deutsche Firmen bitten. Das ist die Lage: Deutschland bittet.
Besonders aufschlussreich ist, was die Rüstungslobby selbst sagt. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands BDSV, Hans Christoph Atzpodien, räumte ein, man habe die Verarbeitung „gerne nach China ‚outgesourct‘, was nun nicht mehr funktioniert“. Gründe seien Kosten, lange Genehmigungsverfahren und Widerstand vor Ort. Mit anderen Worten: Die Industrie, die jetzt hochgerüstet werden soll, hängt an genau dem Land, gegen das die Politik zunehmend Front macht. Und sicher ist, dass eine Eigenfertigung zu deutlich höheren Kosten führen wird. Und irgendwann begreifen die Deutschen, dass „Sondervermögen“ Schulden sind, die Zinsen kosten, und vom Steuerzahler zurückgezahlt werden müssen. Und das wird voraussichtlich ohne eigene Rohstoffe nur über Inflation oder höhere Steuern bzw. Enteignungen funktionieren, meinen Fachleute.
Das Veto: Zippel und Cosco
Wie nervös Berlin gegenüber China geworden ist, zeigt der Fall Zippel. Die chinesische Staatsreederei Cosco wollte 80 Prozent an der Hamburger Spedition Konrad Zippel übernehmen. Das Bundeskartellamt hatte im Februar zugestimmt, aus wettbewerblicher Sicht gab es keine Bedenken. Ende April wurde bekannt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz Vorbehalte hat. Nach Berichten, die sich auf das „Handelsblatt“ stützen, will die Bundesregierung die Übernahme nun untersagen. Das Unternehmen erklärte, die Entscheidung zur Kenntnis genommen zu haben. Das Wirtschaftsministerium bestätigte lediglich, dass ein Investitionsprüfverfahren läuft.
Zippel ist kein Rüstungskonzern. Das Unternehmen hat rund 350 Beschäftigte und etwa 200 Lkw und organisiert vor allem Container-Hinterlandverkehre zwischen Seehäfen und Binnenland, häufig per Bahn. Die Begründung ist die „kritische Transportinfrastruktur“. Man kann das für nachvollziehbar halten. Aber man muss die Pointe sehen: Cosco ist bereits mit 24,99 Prozent am Hamburger Terminal Tollerort beteiligt, ein größerer Einstieg wurde damals ausdrücklich untersagt. Die Politik hat also das Geschäft mit China über Jahre erst ermöglicht und zieht jetzt, Stück für Stück, die Reißleine. Das ist keine Strategie, das ist Schadensbegrenzung nach dem angeblichen Fehler.
Bemerkenswert ist auch das Tempo der Rhetorik. Von „Wandel durch Handel“ über „De-Risking“ ist man innerhalb weniger Jahre bei Sicherheitsvorbehalten gegen eine mittelständische Spedition angekommen. Wer Lieferketten absichern will, sollte erst die Alternativen aufbauen und dann die Abhängigkeiten abbauen. Berlin macht es umgekehrt. „Wir schaffen das“.
Audi: „Taurus statt A3“
Dazu passt eine Meldung vom heutigen Tag. Audi will Beschäftigte befristet an Rüstungsunternehmen verleihen. Laut Handelsblatt geht es zunächst um Diehl, Airbus, MBDA und KNDS, Zielgruppe sind Ingenieure, Qualitätsingenieure, Projektmanager und Werkstattmitarbeiter. Das Projekt ist freiwillig, die Beschäftigten bleiben bei Audi angestellt und bekommen laut Arbeitnehmerseite das gleiche Entgelt wie zuvor. Den Hintergrund liefert nach Angaben der IG Metall ein Tarifvertrag vom April 2026.
Der Slogan „Taurus statt A3“ stammt, soweit man sehen kann, nicht von Audi, sondern ist eine spitze Zuschreibung. Er trifft aber den Kern: Die Industrie, die jahrzehntelang Autos für die Welt gebaut hat, wird zur Reserve für die Waffenschmiede. Die Konzernsprecherin spricht von „Transformation“ und regionalen Fachkräftebedarfen. Man kann das auch nüchterner sagen: Wo die zivile Industrie schrumpft, soll die Rüstung die Beschäftigten auffangen. Das ist für die betroffenen Menschen nachvollziehbar. Als industriepolitisches Konzept ist es bedenklich, denn Rüstungsgüter haben einen Kunden, nämlich den Staat, und keinen Exportmarkt, der die Wertschöpfung langfristig trägt. Und sie wird bezahlt aus Steuergeldern, also von den Beschäftigten selbst.
Womit eigentlich?
Damit zur Kernfrage. Preisgünstige Rüstungsmassenprodukte, also Granaten, Drohnen, Marschflugkörper, Munition in Millionenstückzahl, brauchen Energie, Stahl, Aluminium, Kupfer, Pulver- und Sprengstoffvorprodukte, Magnete, Elektronik und Halbleiter. Fast nichts davon liegt in Deutschland im Boden oder ist ohne Importe herstellbar. Dazu kommt die Energie, die nach dem Wegfall der russischen Lieferungen teurer ist als bei Wettbewerbern. „Preisgünstig“ und „Massenprodukt“ funktionieren nur mit billigen Inputs. Die hat Berlin selbst verteuert.
Noch dazu will Deutschland die Rüstungsproduktion hochfahren, während es sich gleichzeitig mit dem Land anlegt, das die Schlüsselprozesse für Magnete und viele Vorprodukte beherrscht. Selbst die Branche räumt ein, dass es anhaltende Abhängigkeiten besonders bei schweren Seltenen Erden geben wird. Europas Ziel, die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittstaat je kritischem Rohstoff bis 2030 unter 65 Prozent zu drücken, klingt in diesem Licht eher bescheiden: Selbst im Erfolgsfall bliebe fast zwei Drittel der Versorgung bei einem Land.
Ein Land, das keine Rohstoffe hat, kann sich Feindschaften nur leisten, wenn es Ersatz hat. Den gibt es nicht, weder im Boden noch in den Raffinerien noch in den Genehmigungsverfahren, die für neue Minen und Verarbeitungsanlagen Jahre brauchen.
Der Globale Süden schaut zu
Aus Sicht vieler Länder des Globalen Südens wirkt das wie ein Lehrstück in selbstverschuldeter Isolation. Länder wie Indien, die Golfstaaten, Brasilien oder Südafrika kaufen dort, wo es günstig ist, bei Russland, bei China, bei den USA, und lassen sich nicht auf ein Entweder-oder ein. Deutschland dagegen hat sich im Namen der „Werte“ von mehreren Möglichkeiten abgeschnitten und in eine Abhängigkeit oder Unmöglichkeit begeben. Unter dem Slogan: Abhängigkeit beenden.
Zusammenfassung
Wer Abhängigkeiten abbauen will, muss Alternativen vorweisen, bevor er Brücken abbricht. Wer Rüstung als Industriepolitik versteht, muss überzeugend erklären, woher günstige Rohstoffe, Energie und Vorprodukte kommen sollen, und wie die unglaublichen neuen Schulden bezahlt werden sollen. Denn wenn der Staat die Rüstung kauft, zahlt der Beschäftigte bzw. der Steuerzahler selbst, also bleibt nichts übrig für Zinsen und Schuldenabtragung.
Und wer Beschäftigte von der Autoproduktion in die Waffenfertigung umlenkt, sollte sagen, wie die Wertschöpfung dort ohne Rohstoffbasis entstehen soll. Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist der Kollisionskurs keine Strategie, sondern ein Risiko, das am Ende andere bezahlen: die Beschäftigten, die Steuerzahler und die Industrie, welche die Tore schließt, wenn der Steuerzahler nicht mehr zahlen kann.
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