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Golla: Deutschland – die Restauration des Nationalbolschewismus
Think Tank 18-08-2026, 08:49
Die Vorgänge in der Thüringer Landespolitik haben in Berlin ein politisches Beben ausgelöst. Björn Höcke (AfD) hat Sahra Wagenknecht (BSW) öffentlich seine Unterstützung im Kampf um das Amt der Ministerpräsidentin angeboten.
Für oberflächliche Beobachter mag das lediglich wie zynischer Pragmatismus erscheinen, wie ein taktisches Manöver, das darauf zielt, die Brandmauer des etablierten Parteiensystems zu durchbrechen. Auf metapolitischer Ebene jedoch legt das Thüringer Angebot einen weitaus tieferen historischen und ideengeschichtlichen Untergrund frei. Es verschiebt den Schwerpunkt der Debatte auf ein Phänomen, das politische Denker und Ideenhistoriker seit einem Jahrhundert gleichermaßen fasziniert und erschreckt: den Nationalbolschewismus.
Illustration aus der Originalveröffentlichung in „Myśl Polska“
Der Thüringer gordische Knoten: Taktik und Metapolitik
Das Angebot Björn Höckes, des Vorsitzenden der Thüringer AfD, an das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) wirkt auf den ersten Blick paradox. Der Anführer der stärksten, zugleich aber politisch isolierten Kraft erklärt sich bereit, eigene Machtambitionen zugunsten einer deutlich kleineren Formation zurückzustellen.
In der klassischen Logik parlamentarischer Machtpolitik ist dies ein Manöver, das darauf abzielt, das BSW als letztlich systemkonforme Partei zu entlarven: Lehnt es eine Zusammenarbeit mit der AfD ab, bleibt ihm nur der Weg in schwierige Bündnisse mit der christdemokratischen CDU.
Höcke selbst formulierte es in seinem öffentlichen Auftritt ohne Umschweife: „Frau Wagenknecht, wenn Sie es mit einem politischen Wandel in Thüringen und mit der Ablösung des diskreditierten Kartells der etablierten Parteien ernst meinen, sind wir bereit, Sie bei der Wahl zur Ministerpräsidentin zu unterstützen. Eine echte Alternative verlangt allerdings den Mut, von außen auferlegte Tabus zu durchbrechen.“
Auf der metapolitischen Ebene jedoch – dort, wo Begriffe entstehen, Deutungsrahmen gesetzt und langfristige kulturelle Verschiebungen vorbereitet werden – besitzt Höckes Geste eine geradezu revolutionäre Dimension. Sie ist der Versuch, die sogenannte Hufeisentheorie einem politischen Praxistest zu unterziehen: jene These, wonach sich die politischen Extreme in entscheidenden Phasen zivilisatorischer Umbrüche einander annähern können.
Mit diesem Vorstoß versucht die Thüringer AfD, zwei auf den ersten Blick unvereinbare Milieus politisch zusammenzuführen: eine ostdeutsche, traditionalistische und migrationskritische Grundstimmung auf der Rechten mit sozialer Nostalgie, Kapitalismuskritik und dem Pazifismus der neuen Wagenknecht-Linken.
Der Schatten Ernst Niekischs und der deutsche Nationalbolschewismus
Wer diesen Mechanismus verstehen will, muss in die stürmische Epoche der Weimarer Republik zurückgehen und sich mit dem Konzept des Nationalbolschewismus befassen. Einer seiner wichtigsten deutschen Theoretiker war Ernst Niekisch – zunächst Sozialdemokrat und Teilnehmer der Bayerischen Revolution, später Herausgeber der Zeitschrift Widerstand. Ihm gelang eine eigentümliche Synthese aus radikalem Nationalismus und Elementen des Marxismus-Leninismus.
Nicht das kommunistische Russland, sondern der liberal-kapitalistische Westen galt Niekisch als Hauptgegner der deutschen Nation: verkörpert durch das Diktat von Versailles, die Macht wirtschaftlicher Oligarchien und einen aus seiner Sicht dekadenten bürgerlichen Individualismus.
Er propagierte einen totalen preußischen Staat, eine planwirtschaftlich organisierte Ökonomie, eine militarisierte Arbeitergesellschaft und kompromisslosen Widerstand gegen die westliche liberale Demokratie.
Ein Schlüsselelement seiner Doktrin war die Ostorientierung – das geopolitische Bündnis Deutschlands mit der Sowjetunion. In der nationalbolschewistischen Vorstellung erschien Russland trotz seines kommunistischen Systems als elementare, antiwestliche und organische Macht, die Deutschland dabei helfen könne, das „Joch der Wall Street“ abzuschütteln und die europäische Ordnung neu zu gestalten.
Niekisch stellte Deutschland vor die Alternative zwischen „westlichem Zerfall und östlicher Ordnung und Disziplin“.
Die ehemalige DDR – ein Nährboden für politischen Synkretismus
Warum aber erwachen diese Weimarer Gespenster ausgerechnet in Thüringen, Sachsen oder Brandenburg?
Ostdeutschland, das Gebiet der ehemaligen DDR, bildet ein politisches Laboratorium, das sich deutlich von den westdeutschen Ländern unterscheidet. Auch Jahrzehnte der deutschen „Wiedervereinigung“ haben die tiefen identitären und sozioökonomischen Unterschiede nicht beseitigen können.
In Teilen der ostdeutschen Bevölkerung hält sich ein tief verwurzeltes Gefühl, Bürger zweiter Klasse geblieben zu sein – Menschen, deren Lebensleistungen und Identitäten nach 1989 von westdeutschem Kapital und westdeutschen politischen Eliten gewissermaßen kolonisiert worden seien.
Aus dieser systemischen Frustration entstand eine eigentümliche psychosoziale Mischung: die Sehnsucht nach staatlicher Fürsorge und sozialer Stabilität, wie man sie mit der DDR verbindet, gepaart mit Ablehnung westlich-liberaler gesellschaftspolitischer Experimente, von Masseneinwanderung und Globalisierung.
Hinzu kommt eine historisch gewachsene ostdeutsche Russlandnähe. Während im Westen die atlantische Orientierung dominierte, haben die Jahrzehnte der Nähe zu Moskau im Osten – so paradox dies erscheinen mag – nicht nur traumatische Erfahrungen hinterlassen, sondern auch einen ausgeprägten Antiamerikanismus und tiefes Misstrauen gegenüber der NATO.
Gerade hier fallen Forderungen nach „Frieden im Osten“ und nach „deutscher Souveränität“ auf besonders fruchtbaren Boden.
AfD wie BSW verstehen sehr genau, dass der ostdeutsche Protestwähler weder nach einer reinen marktwirtschaftlichen Lehre noch nach orthodoxem Marxismus sucht. Was er sucht, ist Schutz vor einer Außenwelt, die als fremdbestimmt, bedrohlich und zunehmend unkontrollierbar wahrgenommen wird.
Hysterie in Berlin. Die Reaktion von CDU und SPD
Für das politische Berlin ist Höckes Thüringer Angebot die Verwirklichung eines alten Albtraums: die Entstehung einer „rot-braunen“ Front, die das Parteiensystem der Bundesrepublik dauerhaft destabilisieren könnte.
Die Reaktion der etablierten Parteien offenbart eine tiefe Nervosität eines politischen Establishments, das im Osten zunehmend die Deutungshoheit verliert.
Die CDU reagierte mit Empörung und einer sofortigen Verschärfung ihrer Abgrenzungsrhetorik. Vertreter der Partei bezeichneten den Vorstoß der AfD als einen „Pakt mit dem Teufel“ und als einen Angriff auf die Grundlagen der deutschen Demokratie.
Für die Christdemokraten, die selbst versuchen, mit dem BSW politische Arrangements zu finden, um die AfD unter allen Umständen von der Macht fernzuhalten, ist Höckes Manöver ein schwerer taktischer Schlag.
Denn es stellt Wagenknecht vor ein Dilemma: Geht ihr Bündnis eine Zusammenarbeit mit der CDU ein, kann die AfD sie vor ostdeutschen Protestwählern als Verräterin des versprochenen Systemwechsels darstellen.
Die selbst tief in der Krise steckende SPD reagierte dagegen vor allem mit moralischer Empörung. Parteivertreter warnten vor einer Wiederkehr der „dunkelsten Dämonen der deutschen Geschichte“.
Aus sozialdemokratischer Sicht ist der Thüringer Synkretismus der endgültige Beleg dafür, dass Wagenknecht die Umlaufbahn der demokratischen Linken verlassen hat. In Berlin wird davor gewarnt, dass die Verbindung eines antiwestlichen Pazifismus mit ethnonationalen Vorstellungen zur Vasallisierung Deutschlands gegenüber dem Kreml und zur Demontage der Europäischen Union führen könnte.
Die Brandmauer fällt. Die Perspektive der Neuen Rechten
Während das liberale Establishment vor dem Thüringer Flirt zurückschreckt, betrachtet das intellektuelle Milieu der Neuen Rechten den Vorgang mit kaum verhohlener Genugtuung.
Für Strategen und Publizisten aus dem Umfeld des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda und der Zeitschrift Sezession ist Höckes Angebot kein Zufall. Es erscheint vielmehr als die lang erwartete praktische Umsetzung der eigenen metapolitischen Agenda.
Aus Sicht der Neuen Rechten ist die klassische Trennung zwischen „links“ und „rechts“ ein Relikt des 19. Jahrhunderts, das vom bestehenden System künstlich am Leben erhalten werde, um gesellschaftlichen Widerstand zu spalten.
Die eigentliche Konfliktlinie verlaufe heute zwischen einem globalistischen, liberal-kapitalistischen Zentrum – Berlin, Brüssel, Washington – und einer souveränistischen, kulturell und identitär verwurzelten Peripherie.
Seit Jahren beschäftigt dieses Milieu deshalb die Idee einer Querfront: eines politischen Bündnisses, das den sozialen Radikalismus der Linken mit dem identitären Traditionalismus der Rechten verbindet.
Wagenknecht nimmt in dieser Vorstellung eine Schlüsselstellung ein. Man sieht in ihr weniger eine Marxistin als vielmehr eine „linke Konservative“ – eine Politikerin, die als eine der wenigen auf der anderen Seite verstanden habe, dass sich die Interessen der Arbeiter ohne den Schutz von Nation, Grenzen und Kultur kaum gegen die Macht globaler Konzerne verteidigen lassen.
In der Optik der Neuen Rechten begräbt Höckes Geste damit endgültig den liberalen Mythos von der unüberwindbaren „Brandmauer“.
Selbst wenn Wagenknecht das Angebot aus taktischen Gründen als „unseriöses Manöver“ zurückweist, hat allein die Tatsache, dass ein solcher Vorschlag überhaupt öffentlich ausgesprochen wurde, die Grenzen dessen verschoben, was in der deutschen Politik als vorstellbar gilt.
„Besser ein Sünder, der gemeinsam mit den Dämonen gegen diese Zeit kämpft, als ein Heiliger, der mit ihr Kompromisse schließt. Gegen die bürgerliche Ordnung ist jedes Bündnis erlaubt“, schrieb Ernst Jünger 1930 in Widerstand.
Anatomie des modernen synkretistischen Populismus
Entsteht in Thüringen also tatsächlich ein klassischer Nationalbolschewismus neuen Typs?
Die heutige Politikwissenschaft würde dafür eher Begriffe wie synkretistischen Populismus oder linken Konservatismus verwenden. Denn die politische Realität des 21. Jahrhunderts unterscheidet sich grundlegend von jener der 1920er-Jahre.
Weder strebt Wagenknecht eine Verstaatlichung der Industrie nach sowjetischem Vorbild an – wirtschaftspolitisch knüpft sie vielmehr an die deutsche Tradition der Sozialen Marktwirtschaft und an Ludwig Erhard an –, noch verfügt Höcke über paramilitärische Verbände nach Art der Freikorps.
Vor allem aber fehlt die revolutionäre Symmetrie der Weimarer Zeit. Ernst Niekisch wollte das kapitalistische System mit Gewalt überwinden. AfD und BSW dagegen bewegen sich innerhalb der demokratischen Ordnung und mobilisieren die Frustrationen einer Wählerschaft, die von Inflation, Energiekrise, Energiewende und Migrationskonflikten geprägt ist.
Und doch zeigen die Vorgänge, dass der alte liberale Konsens vor unseren Augen Risse bekommt.
Höckes Geste gegenüber Wagenknecht ist ein metapolitisches Signal von beträchtlicher Wucht. Sie zeigt, dass für systemkritische Kräfte die ideologischen Dogmen der Vergangenheit an Gewicht verlieren können, sobald ein gemeinsamer Gegner ins Zentrum rückt.
In den Ländern der ehemaligen DDR ist damit zumindest ein mentales Tabu gefallen.
Der Geist einer nationalen und sozialen Synthese hat die Archive der Weimarer Republik verlassen. Er ist in die politische Gegenwart zurückgekehrt – und hat begonnen, den Diskurs der Bundesrepublik zu infizieren.
von Matthäus Golla
Hinweis zur Übersetzung
Der nachfolgende Text ist eine Übersetzung eines Artikels aus dem Polnischen (ursprünglich erschienen in „Myśl Polska“).
Die Übersetzung erfolgte nach bestem Wissen und Gewissen. Trotzdem können Übersetzungsfehler, Ungenauigkeiten oder abweichende Nuancen nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung des ursprünglichen Autors wieder und entspricht nicht zwingend der Auffassung der Redaktion.
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Link zur Originalveröffentlichung.
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