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Schweigen über Bishkek: Die Weltmehrheit stellt sich gegen den Krieg – der Westen schaut weg

4-09-2026, 08:27

von Jochen Mitschka

Ein Faktencheck zur SOZ-Erklärung von Bishkek und eine Einordnung, warum Israels Kriegsführung in Iran und Gaza an denselben Maßstäben gemessen werden muss, die der Westen sonst so gerne beschwört. Die SCO ist keine „Anti-NATO“, wie so oft behauptet wurde in der Gegenteil, was sich leicht beweisen lässt, denn sie hat noch kein Land mit Bomben „befreit“, im Gegensatz zur NATO.

Die Behauptung die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) vertrete rund 42,5 Prozent der Menschheit, ist zutreffend. Die zehn Vollmitglieder – China, Russland, Indien, Pakistan, Iran, Belarus, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan und Kirgistan – kommen zusammen auf rund 3,4 bis 3,5 Milliarden Menschen. Bei einer Weltbevölkerung von etwa 8,2 Milliarden entspricht das etwa 41 bis 42 Prozent. Der US-Nahost-Analyst Juan Cole kam in seiner Auswertung der Bishkek-Erklärung auf einen ähnlichen Wert und betonte, dass allein Indien und China zusammen fast 2,9 Milliarden Menschen beziehungsweise rund 35 Prozent der Weltbevölkerung stellen, während die SCO insgesamt auf etwa 40 Prozent kommt.


Die NATO wiederum zählt 32 Mitgliedsländer mit zusammen deutlich unter einer Milliarde Einwohnern – rechnerisch etwa 11 bis 12 Prozent der Weltbevölkerung. Die zentrale Aussage bleibt damit belastbar: Die SCO repräsentiert bevölkerungsmäßig mehr als das Dreifache dessen, wofür die NATO steht. Dass diese schlichte demografische Tatsache in der westlichen Berichterstattung praktisch nie eingeordnet wird, ist selbst schon eine Nachricht.

Was passierte, aber kaum berichtet wurde

Am 1. und 2. September 2026 trafen sich die Staats- und Regierungschefs der SCO in Bishkek zum 25-jährigen Bestehen der Organisation. Unterzeichnet wurde die „Bishkek-Erklärung“, in der die Militärschläge auf iranisches Territorium ausdrücklich verurteilt werden – mit Verweis auf zahlreiche zivile Opfer und erhebliche wirtschaftliche Schäden. Unterzeichner waren unter anderen Xi Jinping, Wladimir Putin, Narendra Modi und der pakistanische Premier Shehbaz Sharif. Auch Beileidsbekundungen an Iran zum Tod des Revolutionsführers Ali Chamenei wurden in die Erklärung aufgenommen. Indien – das sich in den vergangenen Jahren außenpolitisch auffällig an Israel angenähert hatte – unterzeichnete trotz bisheriger Zurückhaltung gegenüber einer Verurteilung von USA und Israel mit. Etwas das man als „bemerkenswert“ beurteilen sollte, und was Beobachter auf die rücksichtslose Behandlung von Zollfragen gegenüber Indien zurückführen.

Hintergrund ist der Krieg, den die USA und Israel am 28. Februar 2026 gegen Iran begannen. Bei den Angriffen wurde nach übereinstimmenden Berichten iranischer und internationaler Medien Ali Chamenei getötet; ebenso starben seine Tochter, sein Schwiegersohn, eine Schwiegertochter und seine 14 Monate alte Enkelin Zahra Mohammadi Golpayegani. Am selben Tag traf ein Marschflugkörper die Grundschule Schadscharе Tayyebeh in Minab in der iranischen Provinz Hormozgan. UN-Menschenrechtsexperten sprachen von mindestens 165 getöteten Schülerinnen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren; Amnesty International dokumentierte anhand von Satellitenbildern und Videomaterial, dass über 100 Kinder unter den Toten waren, und forderte Konsequenzen für die Verantwortlichen.

Was in fast allen westlichen Kurzmeldungen fehlt

Was in der Kurzmeldung fehlt, ist der rechtliche Rahmen, an dem sich der Angriff auf Iran messen lassen müsste: Ein Erstschlag ohne UN-Mandat und ohne vorherigen bewaffneten Angriff Irans auf die USA oder Israel erfüllt nach klassischer völkerrechtlicher Definition die Kriterien eines Angriffskrieges. Genau darauf beziehen sich die SCO-Staaten, wenn sie von einem Verstoß gegen UN-Charta und Völkerrecht sprechen – eine Einschätzung, die in der westlichen Berichterstattung selten so benannt wird.

Ebenfalls unerwähnt bleibt der Kontext, in dem dieser Krieg steht: der seit Oktober 2023 laufende Gaza-Krieg und das seit Dezember 2023 vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) anhängige Verfahren Südafrika gegen Israel wegen mutmaßlicher Verletzung der Völkermord-Konvention. Bereits im Januar 2024 verpflichtete der IGH Israel per einstweiliger Anordnung, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Völkermordhandlungen zu verhindern. Das Hauptverfahren zieht sich seither durch wiederholte Fristverlängerungen für Israels Gegenschriftsatz – zuletzt bis März 2026. Erst vor wenigen Tagen reichte Südafrika beim IGH neue Beweise ein, wonach Israel diesen bindenden Anordnungen bislang nicht nachgekommen sei – Amnesty International spricht in diesem Zusammenhang inzwischen unmissverständlich von einem „Genozid Israels an den Palästinensern in Gaza“.

Auch die Lage im Westjordanland fehlt in der Meldung völlig. Amnesty International hat im Juni 2026 in einem eigenen Bericht dokumentiert, wie im vollständig unter israelischer Kontrolle stehenden Gebiet C eine „staatlich gelenkte Kampagne ethnischer Säuberung gegen beduinische und Hirtengemeinschaften stattfindet – durch Umwidmung von Land, Häuserabriss und staatlich geduldete Siedlergewalt. Allein zwischen 2023 und 2025 wurden nach Amnesty-Angaben Dutzende Gemeinschaften mit tausenden Menschen vertrieben.

Dass ausgerechnet diese beiden Verfahren – ein laufendes Völkermordverfahren vor dem höchsten UN-Gericht und ein dokumentierter Bericht über ethnische Säuberung – in der aktuellen Berichterstattung über den Iran-Krieg praktisch nicht mitgedacht werden, ist der eigentliche blinde Fleck: Es entsteht der Eindruck zweier getrennter Kriegsschauplätze, obwohl es sich um dieselbe Kriegsführung derselben Regierung handelt, nur an unterschiedlichen Fronten.

Fragen die offen bleiben

  • Wer den Angriff auf Iran zu Recht als Bruch der UN-Charta bezeichnet, muss sich fragen lassen, warum dieselbe Sprache – Angriffskrieg, Kriegsverbrechen, Völkermord – im Fall Gaza so viel zögerlicher verwendet wird, obwohl ein UN-Gericht bereits vor über zweieinhalb Jahren eine einstweilige Anordnung zur Verhinderung von Völkermord erlassen hat.

  • Warum wird die Tötung von mehr als 150 Schulkindern in Minab in westlichen Leitmedien nur als tragischer Kollateralschaden verhandelt, während vergleichbare Angriffe auf Schulen andernorts sofort als mögliches Kriegsverbrechen eingeordnet werden?

  • Und warum erhält die Bishkek-Erklärung, die immerhin von Regierungen unterzeichnet wurde, die zusammen für über vier Zehntel der Menschheit sprechen, in den großen westlichen Sendern kaum Sendezeit, während deutlich kleinere Gipfeltreffen ausführlich begleitet werden?

  • Eine weitere Frage betrifft die Doppelrolle Indiens und der Türkei: Beide Länder pflegen enge Beziehungen zu Israel, haben aber dennoch unterschrieben. Das wirft die Frage auf, wie lange sich diese Balance zwischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen einerseits und der wachsenden internationalen Empörung andererseits noch halten lässt.

Wenn Medien auf einem Auge blind sind

Der eigentliche blinde Fleck liegt nicht in einzelnen Fakten, sondern in der Erzählperspektive selbst. Solange internationale Politik vorrangig aus der Warte der NATO-Staaten – rund ein Achtel der Weltbevölkerung – erzählt wird, erscheint eine Erklärung von Staaten, die für mehr als vier von zehn Menschen auf der Erde sprechen, als Randnotiz statt als das, was sie ist: ein Beleg dafür, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung die aktuelle Kriegsführung im Nahen und Mittleren Osten nicht mitträgt. Und wer jetzt behauptet, „das sind ja keine Demokratien“, macht sich heute lächerlich, angesichts der Zustimmungsraten der Bevölkerungen zu Regierungen in „Demokratien“.

Für den Globalen Süden ist die Gleichzeitigkeit von Angriffskrieg gegen Iran, andauerndem Genozid-Vorwurf vor dem IGH und dokumentierter ethnischer Säuberung im Westjordanland kein Widerspruch, sondern ein zusammenhängendes Muster. Eine Berichterstattung, die diese drei Stränge weiter getrennt behandelt, verfehlt nicht nur die Größenordnung der Kritik – sie verschleiert auch, dass es hier um dieselben völkerrechtlichen Maßstäbe geht, die im Fall Iran plötzlich mit großer Selbstverständlichkeit angelegt werden.

Bild: Screenshot von Videobericht über das Treffen

Link zur Originalveröffentlichung.

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