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Sollte man für den Terroranschlag gegen NordStream dankbar sein?

22-08-2026, 14:09

von Jochen Mitschka

Hier kommt die Rechnung, die niemand vorlegt. Es war der vermutlich größte Anschlag auf die Umwelt und auf die Energiesicherheit Europas, die Sprengung von NordStream. Umweltschädlich, nicht nur wegen der entwichenen unglaublichen Mengen an Gas, sondern weil nun dir Transporte von Gas, das noch dazu umweltfrevlerisch mit Fracking gewonnen wird, mit umweltschädlichen Schiffen geschieht.

Am 26. September 2022 wurden drei der vier Stränge von Nord Stream 1 und 2 in der Ostsee durch gezielte Sprengungen zerstört. Wer den Anschlag ausgeführt hat, ist juristisch mittlerweile weniger offen als politisch: Der Generalbundesanwalt hat im Juni 2026 Anklage gegen den Ukrainer Serhii K. erhoben, wertet die Tat als Kriegsverbrechen gegen zivile Infrastruktur (Pressemitteilung des Generalbundesanwalts, 2. Juli 2026), und im August 2026 wurde ein weiterer Verdächtiger in Kroatien festgenommen (Presseportal, 19. August 2026). Die politische Bewertung der Tat – ob Ausdruck ukrainischer Kriegführung, mit oder ohne Wissen westlicher Partner – bleibt Gegenstand von Spekulation. Es ist für die folgende Berechnung auch unerheblich, ob nun die USA, wie Seymore Hersh erklärt, der Verursacher war, oder ob es nun Ukrainer waren. Unabhängig davon lässt sich die ökonomische und ökologische Bilanz der fehlenden Pipeline nachrechnen. Das Ergebnis fällt deutlich aus.


Die Modellrechnung: Was der Umweg über den Tanker kostet

Bevor die Sprengung Fakten schuf, transportierte Nord Stream 1 Erdgas direkt und ohne Zwischenstopp von Russland nach Lubmin. Die theoretische Kapazität beider Pipelines lag bei rund 110 Milliarden Kubikmetern pro Jahr, real genutzt wurde vor allem über Nord Stream 1 ein Volumen in der Größenordnung von rund 55 Milliarden Kubikmetern jährlich. Legt man dieses Volumen als Ersatzbedarf zugrunde, der seither per Flüssigerdgas (LNG) herangeschafft werden muss, ergibt sich folgende Rechnung – als Modell, nicht als amtliche Statistik:

  • 55 Milliarden m³ Erdgas entsprechen, umgerechnet über den üblichen Energiefaktor, etwa 40 Millionen Tonnen LNG pro Jahr.
  • Ein moderner LNG-Tanker fasst rund 174.000 Kubikmeter, das entspricht einer Ladung von etwa 75.000 Tonnen. Um 40 Millionen Tonnen zu ersetzen, sind demnach rund 530 Tankerladungen pro Jahr nötig – im Schnitt anderthalb Anlandungen pro Tag.
  • Eine Rundreise vom US-Golf, dem wichtigsten Ersatzlieferanten, nach Nordwesteuropa und zurück dauert bei rund 19 Knoten Fahrt inklusive Lade- und Löschzeiten etwa 20 bis 25 Tage. Um den Takt von 530 Ladungen im Jahr zu halten, müssen rund 30 bis 35 Tanker permanent im Einsatz sein.

Nach Daten des Oxford Institute for Energy Studies verbrennen moderne LNG-Tanker zwischen 72 und 145 Tonnen Treibstoff (Bordgas plus Schweröl) pro Tag auf See. Auf Basis eines mittleren Werts von rund 100 Tonnen pro Fahrtag und knapp 11.000 Schiffstagen im Jahr ergibt sich ein geschätzter Flottenverbrauch von rund einer Million Tonnen Treibstoff pro Jahr – allein um jene Gasmenge zu ersetzen, die zuvor durch eine stromlos betriebene Pipeline floss.

Bei einem Bunkerpreis von grob 600 bis 700 US-Dollar je Tonne entspricht das zusätzlichen Treibstoffkosten von schätzungsweise 600 bis 700 Millionen US-Dollar pro Jahr – Kosten, die es beim Pipelinetransport schlicht nicht gab. Und mit rund drei Tonnen CO₂ je Tonne Schiffstreibstoff bedeutet das zusätzlich einen geschätzten Ausstoß von rund drei Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr allein durch die Schiffsmotoren – zusätzlich zum Methan, das 2022 direkt aus den havarierten Leitungen in die Atmosphäre entwich und laut frühen Schätzungen einen der größten einzelnen anthropogenen Methanausträge der jüngeren Geschichte darstellte.

Der Preis, der stieg statt zu sinken

Genau das Gegenteil des tatsächlichen Verlaufs war einst die ökonomische Begründung für Nord Stream 2: Eine Studie zu den Preiseffekten der Pipeline ging davon aus, dass zusätzliches, kostengünstiges Pipelinegas den Wettbewerbsdruck auf LNG erhöhen und die Gaspreise in Europa senken würde. Eingetreten ist das Gegenteil. Nach Berechnungen von TKP liegt der deutsche Gaspreis inzwischen beim rund Fünffachen des Niveaus aus der Zeit vor der Sprengung – wobei Notkäufe zu Spitzenpreisen im Herbst 2022 darin noch nicht einmal vollständig eingerechnet sind.

Dazu kommen die Milliardeninvestitionen in neue LNG-Infrastruktur – schwimmende Terminals, Regasifizierungsanlagen, Hafenausbauten –, die Deutschland und andere EU-Länder seit 2022 tätigen mussten, um den Wegfall der Pipeline zu kompensieren. Es sind Ausgaben, die in keiner Kalkulation von 2021 vorkamen und die nun an anderer Stelle im Budget oder in der Verschuldung der öffentlichen Haushalte auftauchen.

Tusk: „Das Einzige, was Sie tun sollten, ist schweigen“

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk hat sich wiederholt in einer Weise geäußert, die in Deutschland und Ungarn als Verhöhnung der Geschädigten verstanden wurde – wortwörtlich zur Dankbarkeit hat er allerdings nicht aufgerufen. Im August 2024 schrieb er auf X, als Reaktion auf einen Wall Street Journal-Bericht über eine ukrainische Beteiligung: „An alle Initiatoren und Förderer von Nord Stream 1 und 2: Das Einzige, was Sie heute dazu tun sollten, ist sich zu entschuldigen und zu schweigen“ (Euronews, 18. August 2024).

Noch deutlicher wurde er, als er sich 2025 weigerte, einen in Polen festgenommenen ukrainischen Tatverdächtigen an Deutschland auszuliefern: „Das Problem mit Nord Stream 2 ist nicht, dass sie gesprengt wurde. Das Problem ist, dass sie gebaut wurde“ (Yahoo News / AP). Die Aussage läuft im Kern auf dasselbe hinaus, was dem Zitat häufig zugeschrieben wird – die Sprengung als begrüßenswert statt als Anschlag auf zivile Energieinfrastruktur eines EU-Partnerlandes darzustellen –, auch wenn das Wort „dankbar“ darin nicht fällt.

Die Reaktionen blieben nicht aus. Ungarns Außenminister Péter Szijjártó nannte Tusks Haltung „schockierend“ und warf ihm vor, „Terroristen zu verteidigen“: „Wir wollen kein Europa, in dem Premierminister Terroristen verteidigen“ (Yahoo Nachrichten, Streit um Nord Stream 2).

In Deutschland wiederum erhob die eigene Bundesanwaltschaft die Sprengung inzwischen offiziell zum Kriegsverbrechen – ohne dass die Bundesregierung daraus bislang außenpolitische Konsequenzen gegenüber Warschau oder Kiew gezogen hätte, was Kommentatoren als bemerkenswerte Zurückhaltung gegenüber einem NATO-Partner werten.

Die vergesslichen Massenmedien

Was in der öffentlichen Debatte selten zusammengeführt wird, ist die Gleichzeitigkeit dreier Bilanzen:

  • einer strafrechtlichen, die die Tat als Kriegsverbrechen einstuft;
  • einer ökonomischen, die eine Verfünffachung der Gaspreise und Mehrkosten in Milliardenhöhe für Schiffstreibstoff dokumentiert;
  • und einer ökologischen, die neben dem Methanaustritt von 2022 einen dauerhaft höheren CO₂-Ausstoß durch den Tankertransport nach sich zieht.

Wer diese drei Ebenen getrennt betrachtet, kann die Sprengung als geopolitisches Einzelereignis abtun. Wer sie zusammen liest, sieht eine strukturelle Verschiebung: weg von einer relativ emissionsarmen Pipeline, hin zu einer fossil betriebenen Tankerflotte, die Jahr für Jahr neu über den Atlantik fährt – bezahlt von europäischen Verbrauchern, kommentiert von einem polnischen Regierungschef, der die Verantwortlichen zum Schweigen statt zur Rechenschaft auffordert. Wenn daher in den Medien davon die Rede ist, dass Tusk implizit meinte, man solle dankbar sein, ist das der übliche Beginn der Umschreibung der Geschichte. Welche Zeitgenossen hier hier und heute am lebenden Objekt beobachten können.

Bild: Screenshot von Bericht

Link zur Originalveröffentlichung.

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