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Deutsche U-Boote für Israel: Subvention, Nukleardebatte und Korruptionsaffäre

6-09-2026, 23:40

von Jochen Mitschka

Angesichts der jüngsten U-Boot-Lieferung an Israel: Dies ist die Geschichte der Lieferung von U-Booten für Israel durch Deutschland, welche zum großen Teil aus deutschen Steuergeldern finanziert wurden. U-Boote, deren Spezifikationen darauf hinweisen, dass sie als Kernwaffenträger benutzt werden sollen. Was angesichts der Samson-Option, mit der Israel der ganzen Welt im Fall einer Existenzgefährdung des Staates droht, erstaunlich erscheint.

Dass die technischen Anforderungen der Boote „deutlich gemacht hätten, dass sie als Träger für Kernwaffen bestimmt sind“, ist eine verbreitete, aber nicht bewiesene Lesart. Die Spezifikationen machten eine nukleare Nutzung möglich und verdächtig – und die Bundesregierung hat dies immer bestritten. Weiter unten gehen wir auf Details ein.

Die erste Generation (1991–2000): „weitgehend geschenkt“

Die Geschichte beginnt Mitte der 1980er: Israel suchte Nachfolger für seine kleinen GAL-U-Boote und ließ das Ingenieurkontor Lübeck (IKL) die Klasse „IK 800″ entwickeln – den späteren „Dolphin“. Nach Finanzierungsproblemen und dem trilateralen US-Vertrag von 1989 kam der Durchbruch nach dem Golfkrieg 1991: Als Saddam Husseins Scud-Raketen Tel Aviv bombardierten, sagte Kanzler Kohl „Golfkriegshilfe“ zu – darunter zwei U-Boote (Abkommen Juli 1991), 1995 folgte das dritte.

Das Kostenteilungsschema ist der Kern der Kritik:

Boote 1 und 2 zahlte der deutsche Steuerzahler vollständig (880 Mio. DM), Boot 3 zur Hälfte (220 Mio. DM). Von 1,28 Mrd. DM Ausfuhrwert trug Deutschland 1,1 Mrd. DM; Israel 180 Mio. DM – plus Umrüstung und Bewaffnung in Israel. Geliefert wurden Dolphin (1999), Leviathan (1999) und Tekuma (2000).

Die zweite Generation: AIP-Boote und „Abschiedsgeschenk Schröders

Kurz vor der Bundestagswahl 2005 unterzeichneten beide Staaten am 21. November – den letzten Arbeitstagen der rot-grünen Regierung – Verträge über zwei deutlich größere, mit Brennstoffzellen-AIP ausgestattete Dolphin-II-Boote für rund eine Milliarde Euro. Deutschland übernahm ein Drittel direkt (bis 333 Mio. Euro) und kaufte für ein weiteres Drittel Rüstungsgüter und Waren in Israel – eine indirekte Subvention, die Israel die benötigten Devisen beschaffte. Geliefert wurden Tanin (2014) und Rahav (2016).

Beim sechsten Boot stellte Berlin 2012 erstmals 135 Mio. Euro in den Bundeshaushalt – ein Zuschuss von rund 30 Prozent auf einen Preis von 500 Mio. Euro. Mit diesem INS Drakon endete die Serie: Am 2. September 2026 lief es als drittes und letztes Dolphin-AIP-Boot von der Kieler Werft Richtung Israel aus; es machte mit 67 Prozent des Genehmigungswerts den Großteil der 800 Mio. Euro Rüstungsexporte nach Israel im ersten Halbjahr 2026 aus.

Die neue Generation: „Dakar“

2022 vereinbarten beide Seiten drei U-Boote der neuen Klasse „Dakar“ für rund 3 Mrd. Euro, finanziert von TKMS Kiel; die Bundesregierung deckt bis zu 540 Mio. Euro (bis 2027) aus dem Bundeshaushalt, erstes Boot binnen neun Jahren. Der deutsche Anteil ist auf 540 Mio. Euro gedeckelt; als Bedingung verlangte Berlin 2017 im Regierungsabkommen eine Korruptionszusage Israels (siehe unten). Direkt aus Steuermitteln flossen damit bis heute weit über eine Milliarde Euro – dazu noch die indirekten Devisen-Transfers.

Warum die Verdachtslinie „Nuklearträger“ entstand

Mehrere Spezifikationen, die Israel in Kiel durchsetzte, nährten seit den 1990ern die Debatte:

  • 650-mm-Torpedorohre: Neben sechs üblichen 533-mm-Rohren wurden vier extra große Rohre eingebaut. Offizielle Begründung: Absetzen von Spezialeinheiten/Kampfschwimmern. Kritiker halten das für eine Nebensache. Ein 1999 von der Grünen-Abgeordneten Beer gestelltes Parlamentarierfragen antwortete die Bundesregierung, sie habe „keine Informationen“ über den Verwendungszweck; 2000 gestand das Verteidigungsministerium sybillinisch: „Die Bundesregierung kann letztlich keine Bestückung ausschließen„.
  • Reichweite und AIP: Die Dolphin-II-Boote mit Brennstoffzellenantrieb können wochenlang unter Wasser bleiben und in den Indischen Ozean operieren – Voraussetzungen, die für eine nukleare Zweitschlagfähigkeit im Persischen Golf vor dem Iran praktisch relevant sind. Der 2026 ausgelieferte Drakon ist noch länger; laut US-Forschungsorganisation NTI könnte eine Rumpfeinschub-Sektion zwei große oder mehrere kleine Startsilos beherbergen.
  • Bestätigungen von außen: 2002 erklärten ehemalige US-Regierungsvertreter, die US Navy habe 2000 israelische Raketenversuche im Indischen Ozean beobachtet. 2012 berichtete der Spiegel, Israel rüste die Boote mit einem geheimen hydraulischen Ausstoßsystem für nuklear bestückbare Marschflugkörper aus; Verteidigungsminister Barak sagte dazu: „Die Deutschen können stolz darauf sein, die Existenz des Staates Israel für viele Jahre gesichert zu haben“ – während die Bundesregierung beharrlich beteuerte, die Boote gingen „ohne Bewaffnung“ über und an Spekulationen wolle man sich nicht beteiligen.

Gegenposition: Das Institut für Strategiepolitische Studien und Konfliktanalyse Kiel (ISPK) prüfte die „Nuklear-Dritte-Säule„-These 2015 und kam zu dem Ergebnis, dass sie „einer seriösen Überprüfung nicht standhält„: Israel baue seine nukleare Vergeltungsfähigkeit primär über die landgestützte Jericho-III, und ein belastbarer Nachweis für U-Boot-gestützte Marschflugkörper fehle. Also weil es keine Beweise gebe, sei die These hinfällig. Richtig ist also: Die Technik ermöglicht Nuklearbestückung und weicht von Konventionen ab – ob sie als Absicht gelesen werden muss, bleibt strittig. Israel spielt offiziell auf Distanz, es wird weder dementiert, noch bestätigt.(„neither confirm nor deny„).

Die U-Boot-Affäre: Korruption in Israels Machtzentrale

Ab Ende 2016 wurde aus der Exportaffäre eine israelische Staatsaffäre. Im Zentrum stand Michael „Miki“ Ganor, der 2009 – laut WDR/NDR/SZ unter einem Ultimatum („ohne Ganor keine weiteren Aufträge“) – als ThyssenKrupp-Vertriebspartner in Israel etabliert wurde. Die Tel-Aviver Anklageschrift wirft ihm vor, 10,4 Mio. Euro Provision erhalten zu haben (vertraglich 2 % vom sechsten Boot, 3,7 % für Folgeschäfte) und Teile davon als Bestechungsgelder an Amtsträger im Umfeld von Ministerpräsident Netanjahu geflossen zu sein – unter anderem über seinen Anwalt David Shimron, den Cousin und persönlichen Rechtsberater des Premiers.

Wichtige Stationen:

  • 2016/17: Affäre bricht auf; Schäuble lässt das U-Boot-Programm „ruhen„. Im Oktober 2017 unterzeichneten Berlin und Tel Aviv ein Ergänzungsabkommen: Lieferungen nur, wenn Korruption ausgeschlossen ist. (Offizielle Provisionszahlungen sind keine Korruption, auch wenn unklar ist, warum solche Geschäfte nicht zwischen Regierungen direkt verhandelt werden.)
  • Deutsche Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft Bochum leitete ein Verfahren gegen „unbekannt“ ein, stellte es Ende 2020 mangels hinreichenden Tatverdachts ein.
  • 2021: Neue eidesstattliche Aussagen – u. a. von Ex-Premier Ehud Barak und Ex-Verteidigungsminister Mosche Jaalon, der von einem „aggressiven, teils völlig unlogischen Vorgehen zugunsten von ThyssenKrupps geschäftlichen Interessen“ sprach, weil man ein sechstes Boot kaufte, das Experten für überflüssig hielten.
  • 2025: Panorama-Recherchen mit Aussagen von Merkels Ex-Beauftragtem Christoph Heusgen und Ex-Generaldirektor Dan Harel zeigen: Harel streichelte 2014 eine internationale Ausschreibung für Raketenabwehr-Korvetten, weil das ThyssenKrupp-Angebot überteuert war; ein Anruf aus dem Umfeld des Premierministers stoppte sie. Netanjahus Leute betrieben laut Regierungsunterlagen „Beseitigung politischer Blockaden“ – auch gegen Heusgens Bedingungen (Siedlungsstopp, Gaza-Kläranlage), die Merkel später auf unverbindliche Zusagen reduzierte.
  • 2026: Die israelische Untersuchungskommission stellte „systemische Mängel“ im Beschaffungsverfahren fest und rügt insbesondere Netanjahus Alleingänge – etwa seine Zustimmung zum deutschen U-Boot-Verkauf an Ägypten ohne Rücksprache mit der Sicherheitsspitze, begründet mit „Geheimnissen, die nur der Ministerpräsident und eine Handvoll Personen kennen„. Ein Tel-Aviver Strafverfahren gegen Ganor, Shimron und weitere Vertraute läuft; Netanjahu selbst ist noch nicht Angeklagter.

Zusammenfassung

Fazit der Zahlen: Fünf Boote wurden zu 100 %, 50 % oder 33 % aus dem deutschen Bundeshaushalt finanziert, das sechste zu 30 %, die drei „Dakar„-Boote erhalten bis zu 540 Mio. Euro Zuschuss – begründet mit der „besonderen Verantwortung“ für Israels Sicherheit. Die 650-mm-Rohre, die AIP-Antriebe und die Rekord-Reichweite machten die Boote zur meistdiskutierten möglichen nuklearen Angriffsplattform außerhalb der offiziellen Atommächte – eine Absicht, die weder nachgewiesen noch von Berlin anerkannt wurde. Und während in Kiel 2026 das nächste Boot aufbricht, klärt Tel Aviv erst jetzt auf, wie die Milliardenaufträge in Netanjahus Umfeld vermittelt wurden – ein Prozess, der den deutschen Rüstungsexport auch Jahre nach den Lieferungen weiter belastet.

Bild: Screenshot von Video über Befragung von Netanjahu

Link zur Originalveröffentlichung.

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