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Bomben für die Konjunktur, klappt das?
Heute, 08:21

von Jochen Mitschka
Deutschlands Außenminister Johann Wadephul hat öffentlich Verärgerung darüber geäußert, dass die Ukraine deutsches Geld überwiegend für Bestellungen bei US-Rüstungskonzernen statt bei deutschen Herstellern verwendet. Sucht man einen Schuldigen, warum die Rüstungsausgaben die Konjunktur doch nicht anheben?
Deutschlands Außenminister Johann Wadephul hat öffentlich Verärgerung darüber geäußert, dass die Ukraine deutsches Geld überwiegend für Bestellungen bei US-Rüstungskonzernen statt bei deutschen Herstellern verwendet. Sucht man einen Schuldigen, warum die Rüstungsausgaben die Konjunktur doch nicht anheben?
Im Podcast Ronzheimer von Bild-Vize Paul Ronzheimer sagte Wadephul wörtlich, man sei „zum jetzigen Zeitpunkt nicht ganz zufrieden mit dem, was es an Bestellungen in Deutschland gibt“. Deutschland sei mittlerweile „stärkster Unterstützer der Ukraine insgesamt“, „und es muss naturgemäß so sein, dass die deutsche Verteidigungsindustrie davon profitiert“. Er habe die ukrainische Regierung „gebeten, das zu überprüfen“.
Rüstungsgeld für die Ukraine: Wie viel bleibt in Deutschland, wie viel geht in die USA?
Parallel dazu unterzeichneten Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein US-Amtskollege Pete Hegseth am 15. September 2026 in Washington ein Abkommen zur Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit – darunter der Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern samt Typhon-Abschussrampen im Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Die Tomahawk war ursprünglich als reine Angriffswaffe für den weitreichenden Beschuss russischen Territoriums vorgesehen und wurde zuvor von Präsident Trump mehrfach zurückgehalten.
Die Zahlen: Wohin fließt das deutsche Steuer-Geld tatsächlich?
Der Bundeshaushalt 2026 sieht rund 11,55 Milliarden Euro an Militärhilfe für die Ukraine vor – drei Milliarden mehr als ursprünglich geplant. Seit Kriegsbeginn hat Deutschland damit nach dem Ukraine Support Tracker des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) allein bei Waffen und militärischen Finanzhilfen rund 20 Milliarden Euro zugesagt und liegt damit auf Platz zwei hinter den USA.
In die eigene Industrie
Das IfW Kiel stellte bereits Anfang 2025 fest, dass in Deutschland „fast dreiviertel des Kriegsgeräts für die Ukraine direkt bei der Industrie geordert“ wird – also bei heimischen Konzernen wie Rheinmetall. Ein Teil dieser Bestellungen wird von der Ukraine sogar aus eigener Tasche bezahlt, wie im Fall von knapp 2900 Panzerabwehrwaffen des Typs RGW 90 Matador, die Kiew beim deutschen Hersteller Dynamit Nobel Defence orderte.
In die USA über PURL
Parallel dazu läuft seit Sommer 2025 die NATO-Initiative „Prioritised Ukraine Requirements List“ (PURL), über die europäische Verbündete US-Waffen aus amerikanischen Beständen und von US-Herstellern kaufen und an die Ukraine weiterreichen.
Deutschlands bisherige PURL-Beiträge summieren sich auf mehrere hundert Millionen Dollar in Einzeltranchen: 500 Millionen US-Dollar im August 2025 (NATO), rund 600 Millionen Euro über das Jahr 2025 gerechnet (Euronews), weitere 150 Millionen US-Dollar im November 2025 (Euronews English), 200 Millionen US-Dollar im Dezember 2025 (Berliner Zeitung sowie Tagesspiegel) und zuletzt 400 Millionen US-Dollar, angekündigt bei einem Nato-Verteidigungsministertreffen in Brüssel (Deutschland.de-Ticker).
Das Gesamtvolumen der PURL-Initiative belief sich 2025 auf rund 3,7 Milliarden Euro und soll 2026 auf bis zu 15 Milliarden US-Dollar steigen.
Der aktuelle Trend – laut IfW Kiel selbst
Im jüngsten Update des Ukraine Support Trackers (bis Juni 2026) hält das Kieler Institut fest, dass europäische Geber von Januar bis Juni 2026 Militärhilfe im Wert von mindestens 3 Milliarden Euro direkt bei US-Rüstungsunternehmen beschafften – das entspricht rund 30 Prozent der über die Industrie abgewickelten europäischen Militärhilfe. Über die PURL-Initiative selbst stammten sogar mehr als 90 Prozent der bereitgestellten Militärhilfe direkt aus US-Militärbeständen. Der US-Anteil an der europäischen Militärhilfe hat demnach in der ersten Jahreshälfte 2026 weiter zugenommen – nicht abgenommen.
Wenn man sich über die eigene Politik beschwert
Die Empörung Wadephuls über „undankbare“ Ukrainer, die deutsches Geld lieber in US-Waffen stecken, blendet aus, dass die Bundesregierung selbst Mitgründerin und aktiver Zahler des PURL-Mechanismus ist – also des Systems, über das genau dieses Geld in die USA fließt. Deutschland hat sich nicht passiv diesem Trend gebeugt, sondern seine eigenen Beiträge zu PURL im Laufe von 2025 und 2026 mehrfach aufgestockt.
Auch die zeitliche Abfolge bleibt in der öffentlichen Debatte unerwähnt: Nur wenige Tage nach Wadephuls Klage unterzeichnete Verteidigungsminister Pistorius in Washington selbst ein milliardenschweres Rüstungsabkommen mit den USA über Tomahawk-Marschflugkörper – ein Kauf, der nach Artikeln über Pistorius’ frühere Verhandlungen in Washington sogar mit „Gastgeschenken“ für seinen US-Kollegen Pete Hegseth flankiert wurde. Von Kritik an dieser eigenen Kaufentscheidung – die anders als bei der Ukraine nicht die deutsche, sondern erneut die US-Industrie stärkt – ist in der öffentlichen Debatte nichts zu hören.
Auch die Größenordnungen relativieren die Erzählung von der „undankbaren“ Ukraine: Die USA selbst hatten der Ukraine laut IfW Kiel seit Kriegsbeginn bis Ende 2025 rund 115 Milliarden Euro an Waffen und militärischen Finanzhilfen zugesagt – mehr als jedes andere Land, trotz des drastischen Rückgangs der US-Hilfe unter Trump . Die USA bleiben also selbst nach dem eigenen Rückzug aus der direkten Ukraine-Hilfe über den Umweg PURL weiterhin Hauptnutznießer der westlichen Rüstungsausgaben – nur eben zunehmend finanziert durch europäisches, insbesondere deutsches Steuergeld statt durch eigene US-Haushaltsmittel.
Fragen, die sich aufdrängen
- Theoretisch hat Deutschland das Wissen und potentiell die Kapazität, um eigene Marschflugkörper zu produzieren, trotzdem bestellt Wadephul sie in den USA, warum?
- Warum wurde in der Vergangenheit in Deutschland keine eigene Luftabwehr ähnlich und/oder besser wie das Patriot-System entwickelt?
- Warum erklärt Pistorius den eigenen milliardenschweren Tomahawk-Kauf in den USA nicht mit derselben Sorge um deutsche Steuergelder, mit der Wadephul der Ukraine ins Gewissen redet – obwohl beide Käufe strukturell identisch sind: deutsches Geld, das in die US-Rüstungsindustrie statt in heimische Werke fließt?
- Wie belastbar ist die Erzählung vom „Aufbau des militärisch-industriellen Komplexes“ zur Rettung deutscher Industriearbeitsplätze, wenn das IfW Kiel selbst zeigt, dass gerade 2026 der US-Anteil an der europäischen Rüstungsbeschaffung zunimmt statt zurückzugehen?
Was Kritiker bemerken
Die veröffentlichte Empörung über die „undankbare“ Ukraine lenkt von einer strukturellen Tatsache ab: PURL wurde im Sommer 2025 von der Nato und der Trump-Regierung selbst ins Leben gerufen – explizit, um sicherzustellen, dass europäisches (und deutsches) Geld weiter in die US-Rüstungsindustrie fließt, nachdem Washington seine eigenen direkten Hilfszahlungen fast vollständig eingestellt hatte. Das ist kein Kollateralschaden ukrainischer Beschaffungsentscheidungen, sondern by design – ein politisch verhandelter Mechanismus, dem Deutschland selbst zugestimmt und den es aktiv mitfinanziert hat.
Zusammenfassung
Wenn Berlin also zugleich den Ausbau der eigenen Rüstungsindustrie zur Rettung der Deindustrialisierung ausruft und über PURL sowie eigene bilaterale Milliardenkäufe (Tomahawk) selbst Kapital in die USA transferiert, stellt sich die Frage, wessen militärisch-industrieller Komplex hier tatsächlich hochgefahren wird – der deutsche oder, über den Umweg der Ukraine-Hilfe, in erheblichem Umfang weiterhin der amerikanische.
Bild: Screenshot über Waffen-Deal von Pistorius in USA
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