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Haben wir „Fachkräftemangel“ in Deutschland?

26-08-2026, 18:53

von Jochen Mitschka

Wer kennt ihn nicht, diesen ständig von Managern und Politikern als Begründung für schlechte Wirtschaftszahlen oder mehr Migration genannte ominöse „Fachkräftemangel“. Wir schauen heute einmal, was das ist.

Während Politik und Wirtschaftsverbände unablässig vom „Fachkräftemangel“ sprechen und daraus die Notwendigkeit weiterer Zuwanderung ableiten, sind in Deutschland offiziell mehr als 9,2 Millionen Menschen arbeitslos, wenn man folgende Rechnung aufmacht. Addiert werden dabei die Zahlen aus vier Rechtskreisen: Arbeitslosengeld I (3,025 Mio.), Bürgergeld (5,55 Mio.), Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (0,52 Mio.) und Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (0,15 Mio.). Die Schlussfolgerung liegt für viele nahe: Wieso mehr Einwanderung, wenn schon Millionen ohne Job sind?

Die Rechnung ist auf den ersten Blick bestechend einfach. Sie hält jedoch einer genaueren Prüfung nicht stand – und genau das lohnt sich zu untersuchen, denn beide Seiten der Debatte, Zuwanderungsbefürworter wie -kritiker, operieren häufig mit Zahlen, die mehr verschleiern als erklären.

Die Berechnung

Oft werden die vier weiter oben Kategorien nebeneinander gestellt und zu einer Gesamtsumme von rund 9,2 Millionen addiert. Die einzelnen Werte sind für sich genommen nicht erfunden – sie finden sich in der monatlichen Statistik der Bundesagentur für Arbeit. Auch die rund drei Millionen Arbeitslosengeld-I-Empfänger decken sich mit dem, was die BA zuletzt meldete: Im Juli 2026 lag die Arbeitslosigkeit bei rund 3,007 Millionen Menschen, die Quote bei 6,4 Prozent. Die implizite Botschaft: Fast jeder neunte Erwerbsfähige in Deutschland ist ohne Arbeit – ein Ausmaß, das jede Debatte über zusätzliche Arbeitskräfte aus dem Ausland absurd erscheinen lässt.

Was übersehen wird

Das Problem liegt in der Gleichsetzung von „Leistungsempfänger“ mit „arbeitslos“. Beide Begriffe sind in der Sozial- und Arbeitsmarktstatistik keineswegs identisch, wie auch die Caritas in ihrer Analyse „Fakten statt Polemik zum Bürgergeld ausführlich darlegt.

Von den 5,55 Millionen Bürgergeld-Beziehern ist rund ein Viertel gar nicht erwerbsfähig – es handelt sich überwiegend um Kinder unter 15 Jahren in Bedarfsgemeinschaften. Von den verbleibenden knapp vier Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten wiederum ist nur ein Teil tatsächlich arbeitslos gemeldet: Nach den bei Statista zusammengestellten Daten waren es zuletzt rund 1,75 Millionen. Der Rest verteilt sich auf sehr unterschiedliche Lebenslagen: Rund 737.000 sind „Aufstocker“ – Menschen, die trotz eigener Erwerbstätigkeit zu wenig verdienen, um ohne Ergänzung auszukommen. Weitere Hunderttausende gehen zur Schule, studieren, betreuen Kinder, pflegen Angehörige oder sind krankheitsbedingt vorübergehend nicht vermittelbar. Sie alle pauschal als „arbeitslos“ zu zählen, verzerrt das Bild erheblich.

Ähnliches gilt für die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen (0,15 Mio.): Wer an einer Fortbildung oder Trainingsmaßnahme der Arbeitsagentur teilnimmt, gilt in der Statistik ausdrücklich nicht als arbeitslos – genau deshalb taucht diese Gruppe in einer eigenen Kategorie auf, statt in der Arbeitslosenzahl selbst. Auch beim Leistungsbezug nach dem Asylbewerberleistungsgesetz sagt der Bezug für sich genommen wenig über die tatsächliche Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt aus: Viele Betroffene befinden sich noch im Asylverfahren, in dem eine reguläre Beschäftigung rechtlich gar nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.

Rechnet man die tatsächlich als arbeitslos gemeldeten Personen über die Rechtskreise SGB III (ALG I) und SGB II (Bürgergeld) zusammen, kommt man auf die von der BA selbst ausgewiesene Gesamtzahl von rund drei Millionen – nicht auf 9,2 Millionen. Selbst die weiter gefasste Unterbeschäftigung, die auch Maßnahmeteilnehmer und kurzfristig Arbeitsunfähige einschließt, liegt laut BA-Arbeitsmarktbericht bei rund 3,645 Millionen – immer noch weit unter der viral kursierenden Zahl.

Die falsche Frage

Die berechtigte Frage hinter dem Tweet lässt sich damit nicht einfach vom Tisch wischen, sie muss nur anders gestellt werden: Warum ist von Fachkräftemangel die Rede, während gleichzeitig rund drei Millionen Menschen arbeitslos gemeldet sind und Unternehmen zuletzt rund 653.000 offene Stellen meldeten?

Die Antwort liegt im sogenannten Mismatch-Problem: Fachkräftemangel bedeutet nicht, dass es zu wenige Menschen ohne Job gibt, sondern dass Qualifikation, Standort und Verfügbarkeit der Arbeitslosen häufig nicht zu den offenen Stellen passen. Gesucht werden vor allem Pflegekräfte, IT-Fachleute, Handwerker und Ingenieure – Berufsbilder, für die ein erheblicher Teil der aktuell Arbeitslosen keine passende Qualifikation mitbringt oder aus gesundheitlichen bzw. familiären Gründen nicht sofort verfügbar ist. Hinzu kommt eine demografische Komponente: Eine Analyse des IW Köln prognostiziert, dass die strukturelle Arbeitskräftelücke bis 2036 auf 4,3 Millionen anwächst, weil pro Jahr rund 1,3 Millionen Menschen aus den Babyboomer-Jahrgängen in Rente gehen, während nur etwa 800.000 Jüngere nachrücken.

Wer diese Fragen ernst nimmt, muss sich aber auch fragen lassen, warum die Aktivierung der vorhandenen inländischen Reserve – etwa durch gezielte Qualifizierung, bessere Kinderbetreuung oder Anreize für Teilzeitkräfte, ihre Stunden aufzustocken – in der politischen Debatte regelmäßig hinter dem Ruf nach Zuwanderung zurücksteht. Und ob zusätzliche Zuwanderung das strukturelle Mismatch-Problem tatsächlich löst, wenn neu Zugewanderte zunächst Sprache lernen und Qualifikationen nachweisen müssen, bevor sie in den gesuchten Mangelberufen arbeiten können – ein Prozess, der Jahre dauern kann, wie auch die hohe Zahl an Geflüchteten ohne bisherige Erwerbstätigkeit in Deutschland zeigt.

Der blinde Fleck

Der eigentliche blinde Fleck der Debatte liegt nicht bei einer Seite allein. Wer mit der 9,2-Millionen-Zahl operiert, blendet aus, dass die überwiegende Mehrheit dieser Menschen aus nachvollziehbaren Gründen nicht sofort vermittelbar ist – Kinder, Studierende, Pflegende, Kranke. Wer umgekehrt unreflektiert vom Fachkräftemangel spricht und daraus reflexhaft mehr Zuwanderung ableitet, blendet aus, dass drei Millionen real Arbeitslose und mehrere Hunderttausend Aufstocker eine erhebliche ungenutzte inländische Reserve darstellen – deren konsequente Aktivierung politisch wie finanziell deutlich günstiger wäre als jede Anwerbung im Ausland.

Am Ende zeigt der Streit um die richtige Zahl vor allem eines: Arbeitsmarktstatistik ist keine neutrale Ansammlung von Fakten, sondern ein Feld, auf dem beide Seiten der Migrations- und Sozialstaatsdebatte mit den für sie günstigsten Kennziffern operieren. Wer die Realität verstehen will, kommt nicht darum herum, zwischen Arbeitslosigkeit, Erwerbsfähigkeit, Bedürftigkeit und Unterbeschäftigung sauber zu unterscheiden – auch wenn das komplizierter ist als eine griffige Randnotiz mit vier Hashtags.

Nun schauen wir auf Alternativen, wie man Fachkräftemangel bekämpfen kann

Jede Art von Planung sollte eine Kombination von Ausbildung, Eignung und Aussichten sein. D.h. schon im nicht-akademischen- als auch im Studienbereich müssen Mangelberufe attraktiver gemacht werden, damit eben weniger Menschen sich für Gender- oder Kunst-Studium entscheiden, sondern z.B. für technische Berufsbilder. Und wenn bei VW bereits von der Möglichkeit der Entlassung von 50.000 Fachkräften gesprochen wird, sollte man schon frühzeitig die Möglichkeit einer Anders- oder Weiterqualifikation dieser Gruppen entwickeln.

Schauen wir uns speziell den medizinischen Bereich an. Viele Ärzte verlassen Deutschland wegen fehlenden Forschungsmöglichkeiten, Gehaltsunterschieden, Arbeitsbelastung, und daher werden händeringend „Fachkräfte“ aus anderen Ländern angeworben. Ähnliches gilt für Pflegefachkräfte. Während Pflege in der Mehrzahl der Länder längst eine akademische Ausbildung bedeutet, was ihn für viele Menschen attraktiver macht, wird sie in Deutschland quasi als Lehrberuf gehandhabt. In erster Linie um vorhandene Wirtschaftsstrukturen nicht zu schädigen, die davon profitieren, und um die Gehälter beschränken zu können.Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der Gehälter könnten Wunder bewirken.

Da keine dieser beispielhaften Maßnahmen wirklich entschlossen angegangen wird, muss man sich fragen, ob manche Kritik nicht doch zutreffende ist. Kritik, die z.B. behauptet, „Arbeitskräftemangel“ sei nur existent, weil die Unternehmen nicht bereit seien, angemessene Löhne und Gehälter zu zahlen, und versuchten, durch Anwerbung aus Niedriglohnländern das Gehaltsniveau zu drücken. Oder dass es lediglich als Begründung für eine unbegrenzte Migration dient, mit der die Politik die tatsächliche oder angebliche demoskopische Bombe der Überalterung der Gesellschaft bekämpfen will. Obwohl das wieder ein anderes Thema ist.

Zusammenfassung

Aufzuzeigen, wie China, ebenfalls eine Gesellschaft, welche zu überalternd droht, den Fachkräftemangel angeht würde leider diesen Artikel sprengen, aber man sollte sich darüber informieren. Arbeitskräftemangel ist ein umstrittenes Thema. Und offensichtlich sind noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft worden, um qualifizierte Bewerber für offene Stellen zu begeistern und/oder zu qualifizieren. Aber er ist auch nicht vollkommen erfunden. Wobei die Diskussion fast nie die offensichtlich schrumpfende Wirtschaft und das Freiwerden von Fachkräften, die eigentlich nur zusatzqualifiziert werden müssten berücksichtigt.

Bild: Screenshot eines typischen Werbevideos für „Fachkräftemangel“

Link zur Originalveröffentlichung.

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