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Echo der Stille: Eine Reise nach Weißrussland
22-06-2026, 17:08 Politik, Geschichte
ÉVA PÉLI, 22. Juni 2026
„Haben Sie Regenschirme? Wenn nicht, folgen Sie mir, ich begleite Sie.“ Unsere Museumsführerin Sweta geleitet uns aus dem Museum der Verteidigung hinaus. Der Himmel über der „Heldenfestung“ in Brest hängt heute tief, überzieht den Gedenkkomplex wie ein bleierner Deckel. Es ist der 8. Mai, und es muss sich noch einiges tun, bis hier morgen der Tag des Sieges über den Faschismus gefeiert werden kann. Es ist jener Ort, der am 22. Juni 1941 zu den ersten Zielen der deutschen Wehrmacht gehörte – und wo der Mythos des „Blitzkrieges“ in einem zermürbenden, verlustreichen Widerstand Risse bekam. „Das Leben der Menschen verwandelte sich im Juni 1941 augenblicklich in Splitter!“, sagt einige Tage später Anna Papko, die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Chatyn. „Splitter von Plänen, Splitter von Hoffnungen, zersplitterte Familien. Nichts blieb ganz.“
Dass die Festung mehr ist als nur ein Ort des Schmerzes von 1941, zeigt ein Blick in die tieferen Schichten ihrer Historie. Im Museum finden sich Dokumente aus dem Ersten Weltkrieg, die von der Evakuierung der Zivilbevölkerung zeugen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk im Jahr 1918 im sogenannten Weißen Palast – buchstäblich auf Ruinen besiegelt, unter Bedingungen, die den Grundstein für die kommenden Konflikte legten.
Weißrussland bemüht sich, diese Geschichte wachzuhalten und vor anderen Interpretationen zu schützen. Da die Zeitzeugen, die den Krieg durchlitten haben, fast verstummt sind, soll die Erinnerungsarbeit heute umso intensiver sein. Ich bin am 7. Mai über Polen angereist, um den Ort zu sehen, von dem in Deutschland kaum Notiz genommen wird und wo Deutsche so viel Unheil angerichtet haben.
„Dieser Platz ist das Zentrum unserer Gedenkveranstaltungen“, erklärt Sweta, während wir an den massiven, teils noch immer vernarbten Ringkasernen vorbeigehen. „Morgen, am Tag des Sieges, und am 22. Juni kommen Generationen hierher, um der Heldentaten zu gedenken.“ Wir passieren das Herzstück der Anlage, das 32 Meter hohe Monument. Der Kopf des sowjetischen Soldaten scheint mit durchdringendem Blick auf uns herabzuschauen, als trage er das Leiden des ganzen Kontinents auf seinen Schultern.
Ich höre Sweta nur noch halb zu. Mein Blick bleibt an einer Gruppe von Teenagern hängen, die diszipliniert vom Haupteingang auf uns zumarschieren. In Uniform und im exakten Stechschritt marschieren sie durch den Regen – die Gesichter ernst, der Blick starr nach vorn. Unwillkürlich drängen sich Assoziationen an die oscarprämierte und in Russland verbotene Dokumentation „Mr. Nobody against Putin“ auf, die im Westen oft als Beleg für eine systematische Militarisierung der Jugend angeführt wird. Dass ein solcher Vergleich hier, im eng mit Russland verbundenen Unionsstaat, naheliegt, wirkt auf den ersten Blick schlüssig.
Doch beim Betrachten der Jugendlichen stutze ich. Die im Westen oft beschworene These der Indoktrination wirkt vor Ort wie eine Projektion auf eine Realität, die anders gewachsen ist. Als ich Sweta unterbreche und frage: „Sind das Schüler, die für den 9. Mai proben?“, sieht sie mich ruhig an. „Nein, das ist keine Probe“, antwortet sie. „Das ist die Ehrenwache. Sie findet hier seit 1972 täglich statt.“ Sie bemerkt meinen erstaunten Blick und fügt hinzu: „Niemand zwingt sie dazu. Für die Jugendlichen ist es eine Ehre, den Gefallenen Respekt zu erweisen.“
Sie schildert die Hintergründe sachlich, während wir am Ewigen Feuer stehen: „In jeder Schule in Brest wird eine Gedenkeinheit gebildet. Wer teilnehmen möchte, wird dafür eine Woche vom Unterricht freigestellt.“ Es ist kein neues, durch aktuelle Spannungen induziertes Phänomen, sondern eine seit Jahrzehnten etablierte Praxis. Swetas Blick ruht auf den Jugendlichen, die bei jedem Wetter ihre Runden drehen.
Um 10 Uhr am Morgen des 8. Mai treffen wir Alexander Korkotadse. Der 1976 in Brest geborene Historiker leitet seit 2023 den Gedenkkomplex „Heldenfestung Brest“. Sein beruflicher Werdegang ist eng mit diesem Ort verwoben: Nach seinem Geschichtsstudium und jahrzehntelanger Arbeit vor Ort hat er sich zu einer zentralen Figur der weißrussischen Erinnerungskultur entwickelt. Sein Einfluss reicht heute weit über das Museum hinaus – als Abgeordneter des Gebietsrats, Delegierter der Allweißrussischen Volksversammlung und Mitglied des Rates für historische Politik gestaltet er die staatliche Gedenkpolitik maßgeblich mit.
Ruhig erläutert er seine Motivation: „Wir halten uns aus zwei Gründen an unsere historische Erinnerung fest.“ Er macht eine kurze Pause und fährt fort: „Erstens: Man wollte uns damals gezielt auslöschen. Zweitens: Es ist unser rechtmäßiger Stolz – unsere Vorfahren waren so stark, dass sie die mächtigste Kriegsmaschine des Nazismus zerschlagen konnten.“
„Rassistischer Hochmut“
Der Historiker analysiert den Angriff auf die Festung nicht nur als militärisches Ereignis, sondern als das fundamentale Scheitern einer rassistischen Ideologie. „In den deutschen Berichten versuchte das Kommando, den Misserfolg des Sturmangriffs auf die mangelnde Effektivität der Raketenwerfer zu schieben“, erzählt er und deutet auf die historische Dokumentation. „Die Besatzer wollten schlicht nicht zugeben, dass sie den sowjetischen Soldaten fatal unterschätzt hatten.“ Für ihn ist das ein zentraler Punkt: „Die NS-Führung konnte sich aufgrund ihrer Rassedoktrin nicht einmal vorstellen, dass Menschen, die sie als ‚Untermenschen‘ betrachteten, eine solche Willensstärke zeigen würden. Dieser rassistische Hochmut spielte der Wehrmacht am Ende einen bösen Streich.“
Auch bei der historischen Einordnung des Kriegsausbruchs und der Rolle Polens findet er deutliche Worte. „Der Krieg war die direkte Folge einer Appeasement-Politik, die Hitler gezielt gegen die UdSSR lenken wollte“, sagt der Direktor der Gedenkkomplexes. Er sieht darin eine fortwährende Gefahr der Geschichtsklitterung: „Gerade Polen hat durch die Verweigerung, sowjetische Truppen passieren zu lassen, die Bildung einer echten Anti-Hitler-Koalition blockiert.“ Man dürfe bei den Ereignissen jener Jahre nicht „in direkte Fälschung abgleiten.“ Dass man heute Länder – wie die baltischen – , die aktiv an der Aggression gegen die Sowjetunion teilgenommen haben, als „unschuldige Opfer“ darstelle, ist für ihn historisch verfälscht.
Besonders vehement widerspricht Korkotadse der im Westen häufigen Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Kommunismus. „Der kommunistischen Idee lag der Internationalismus zugrunde – ja, es gab Klassenkampf, aber niemals Völkermord aus rassistischen Gründen“, unterstreicht er. Der Kontrast zum Nazismus ist für ihn eindeutig: „Dieser basierte auf einer Doktrin der Rassenüberlegenheit mit einem offiziellen Programm zur physischen Vernichtung von Sinti, Roma, Juden und Slawen.“ Diese Systeme auf eine Stufe zu stellen, sei „eine dreiste, bewusste Lüge“.
Der Direktor schließt mit einem warnenden Appell, der den Bogen zum heutigen politischen Klima spannt. „Die wichtigste Lehre der Brester Festung ist der Internationalismus“, sagt er ernst. „Wenn man beginnt, Menschen nach Nationalitäten zu sortieren und eine Sprache als ‚richtig‘ und eine andere als ‚minderwertig‘ zu erklären – in diesem Moment beginnt Blut zu fließen.“ Eine Entwicklung, die er im Baltikum mit Sorge beobachte.
Zum Abschied richtet er einen Blick auf das heutige deutsch-weißrussische Verhältnis: „Hätten die sowjetischen Truppen 1945 dieselben Methoden angewandt wie die Wehrmacht auf unserem Boden, gäbe es heute kein deutsches Volk mehr“, stellt Korkotadse fest. Er erinnert daran, dass man damals Barmherzigkeit bewiesen habe, indem man zwischen dem Nazi-Regime und dem deutschen Volk unterschied. „Die bittere Ironie heute ist: Der Westen scheint sich an uns für diese Barmherzigkeit zu rächen.“
Puzzle der Erinnerung
Die Verteidigung der Brester Festung war ein Ringen, bei dem die Wehrmachtsführung den Widerstand fatal unterschätzte. Wie viele Menschen in den ersten Kriegstagen ihr Leben ließen, ist bis heute unklar. „Wir werden oft danach gefragt“, sagt Sweta. „Eine genaue Antwort gibt es nicht, da in jenen Tagen keine offizielle Buchführung stattfand. Wir können nur nach dem urteilen, was wir in den Nachkriegsjahren finden konnten.“
Die Suche nach den Gefallenen zog sich über Jahrzehnte hin. Zunächst wurden die sterblichen Überreste auf umliegenden Friedhöfen bestattet, bevor sie bei der Errichtung des Memorials unter den massiven Gedenkplatten zusammengeführt wurden. „Heute ruhen hier 1.055 Verteidiger“, erklärt Sweta, „die Namen von 278 von ihnen sind identifiziert.“ Erst in diesem Jahr konnte ein weiterer Name hinzufügt werden.
Dabei leistet Alexander Korkotadse mit seinem Team fast schon eine detektivische Arbeit. „Eine enorme Hilfe sind die erbeuteten deutschen Kriegsgefangenenkarten“, erklärt der Direktor, „die mittlerweile digitalisiert und frei zugänglich sind.“ Da die Garnison vor der Kapitulation sämtliche Personallisten vernichtet hatte, sind diese Dokumente heute von unschätzbarem Wert. „Sie erlauben uns, die Namen und die Verlegungskette unserer Soldaten durch die Konzentrationslager zu rekonstruieren – und sie förmlich aus dem Vergessen zu reißen.“ Korkotadse berichtet, dass sie massenhaft Post von Enkeln und Urenkeln erhalten. „Wenn es uns gelingt, das Schicksal eines Menschen zu klären, der in einem Lager irgendwo in Deutschland umkam, ist das für uns die größte Belohnung.“
Der Direktor schlägt in diesem Zusammenhang eine Brücke zur Gegenwart und warnt vor einer Wiederholung historischer Muster. „Erinnern Sie sich an die Geschichte“, mahnt er. „Die Hitlerleute kamen auch mit schönen Parolen zu uns – sie versprachen, ‚höhere Kultur‘ zu bringen und ein zivilisiertes Leben unter der Ägide eines ‚Gesamteuropa‘ einzurichten.“ Doch hinter der Fassade habe damals die totale Vernichtung begonnen. „Heute hören wir wieder dieselben Parolen, hinter denen sich der alte Gedanke verbirgt: Unser Volk sei wieder ‚überflüssig‘ in ihrem ‚europäischen Garten‘.“ Er betont, dass die Erziehung der jungen Generation in Weißrussland nicht in einem militaristischen Geist erfolge, sondern im Verständnis einer „heiligen Pflicht“, wie er es ausdrückt. „Wenn es nötig ist, müssen wir alle wie die Brester Festung zu Verteidigern unseres Landes werden.“
Historische Wahrheit und moderne Mythen
„Die Wahrheit bahnt sich ihren Weg“, resümiert Korkotadse. Für ihn belegen gerade die zeitgenössischen Dokumente der Angreifer die Absurdität heutiger Deutungen. So beklagte ein deutscher Offizier bereits am 22. Juni 1941 die „hinterhältigen Methoden“ der Verteidiger – eine bezeichnende Täter-Opfer-Umkehr angesichts des nächtlichen Überfalls ohne vorherige Kriegserklärung.
Auch die Aufzeichnungen des Wehrmachtsoldaten Alfred Wechler, der als Angehöriger der 45. Infanterie-Division an der Erstürmung der Brester Festung beteiligt war, stützen dieses Bild. Wechlers Schilderungen, die in der historischen Forschung regelmäßig zitiert werden, verdeutlichen den drastischen Kontrast zwischen der deutschen Planungseuphorie und der tatsächlichen, für die Angreifer völlig unerwarteten Intensität des sowjetischen Widerstands. Wechler hielt fest, dass die Kämpfe um Brest alles in den Schatten stellten, was er zuvor in Frankreich oder Polen erlebt hatte – ein Moment, in dem vielen deutschen Soldaten klar wurde, dass dieser Überfall auf die Sowjetunion eine fatale Zäsur markierte.
„Heute versuchen einige westliche Forscher zu beweisen, dass in Brest nichts Besonderes passiert sei und alles nur ein sowjetischer Mythos wäre“, stellt Korkotadse fest. Er schüttelt den Kopf. „Wenn man die Erinnerungen sowjetischer Soldaten und die Memoiren der deutschen Frontsoldaten vergleicht, wird man erstaunt sein, wie nahe sie beieinanderliegen.“ Die deutschen Soldaten hätten zugegeben, „dass die Russen bis zur letzten Patrone kämpften“.
Entscheidend ist für ihn der grundlegende Unterschied in der Besatzungspolitik. „Auf dem Gebiet der UdSSR zielte die Politik der Nationalsozialisten auf die Ausrottung des gesamten sowjetischen Volkes ab“, erklärt der Historiker und verweist auf den „Generalplan Ost“, nach dem Slawen als „minderwertige Rasse“ eingestuft wurden. „Die jüdische Bevölkerung stand in diesem Zeitplan an erster Stelle, die slawische folgte direkt danach.“
Die Spuren dieser Vernichtungspolitik begegnen dem Team der Gedenkstätte bis heute bei der archäologischen Arbeit. „In den Erschießungsgruben finden wir ständig neben getöteten Zivilisten auch die Überreste sowjetischer Kriegsgefangener und Politkommissare, die gemäß dem ‚Kommissarbefehl‘ sofort zu vernichten waren.“ Allein in Brest wurden während der Besatzung über 600 Familienangehörige von Garnisonsoffizieren – Frauen, Alte und Kinder – erschossen. Für den Historiker ist das Fazit eindeutig: „Der Krieg gegen die Sowjetunion hatte von Anfang an den Charakter eines rassistischen Vernichtungskrieges. Auf dem Territorium der UdSSR waren Soldaten der Wehrmacht offiziell von der Verantwortung für Verbrechen gegen Zivilisten befreit.“
Es ist noch nicht lange her, da schien ein neuer Weg möglich. Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2018 als erstes deutsches Staatsoberhaupt den Vernichtungsort Trostenez bei Minsk besuchte, mahnte er, dass Weißrussland kein „weißer Fleck“ mehr auf der Landkarte unseres Erinnerns sein dürfe. Doch heute, acht Jahre später, ist die diplomatische Eiszeit so tief, dass selbst diese mühsam erarbeiteten Brücken der Erinnerung unter dem Gewicht der geopolitischen Blockade zu zerbrechen drohen. Was damals als Versprechen gegenseitiger Anerkennung des Leids begann, ist an der heutigen Grenze zu einer fast unüberwindbaren Mauer aus Misstrauen geworden.
Die Grenze als politisches Theater
Meine Reise durch ein Land, das in der Erinnerung an den Vernichtungskrieg lebt, endet dort, wo die Gegenwart in bürokratischer Härte zerfällt: an der weißrussisch-polnischen Grenze. Die andächtige Stille der Gedenkstätten findet hier ihr jähes Ende. Was wir hier bei der Ausreise erleben, ist keine bloße Grenzsicherung; es ist die administrative Unterbindung jeder Normalität.
Acht Stunden Wartezeit bei minimalem Verkehr sind keine logistische Notwendigkeit, sondern eine Schikane. Der Reisende wird hier zum Statisten einer Geopolitik, die jeden Kontakt als Risiko begreift. „Die Grenze zeigt im Kleinen, was der Eiserne Vorhang im Großen bedeutete“, resümiert ein Beobachter vor Ort. „Es geht nicht mehr um Schutz, sondern um die systematische Verweigerung jeder Normalität.“
Hinter der Fassade der Abschottung vollzieht sich ein perfides Spiel. Was westliche Leitmedien standardisiert als „hybride Kriegsführung“ verbuchen, reduziert sich vor Ort auf ein profanes Kriminalitätsphänomen. Igor Sekreta, stellvertretender Außenminister in Minsk, erklärt: Schmuggler nutzen GPS-gesteuerte Wetterballons, um die geschlossenen Übergänge zu überwinden. Sekretas Analyse ist nüchtern: „Warum mühsam Kriminalität bekämpfen, wenn man das Phänomen zur ‚hybriden Bedrohung‘ deklarieren kann?“
Die Inszenierung dieser Ballons als existenzielle Gefahr für den europäischen Luftraum ist politisch kalkuliert. Sie legitimiert Budgetströme, die in Brüssel direkt in die Aufrüstung fließen, statt den Dialog zu suchen. Während in Brest und Chatyn die Trümmer der Vergangenheit mahnen, werden an der EU-Außengrenze Feindbilder zementiert.
Chatyn und das Vermächtnis der Stille
Um den Kern der Erinnerungskultur zu verstehen, kehre ich am 13. Mai noch einmal zu dem Ort zurück, der das Trauma Weißrusslands am radikalsten konserviert: Chatyn. Anna Papko, die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte, erläutert uns, warum die Opferzahlen in jüngster Zeit korrigiert wurden: Zu Sowjetzeiten galt die Formel „Jeder vierte Einwohner von Weißrussland ist umgekommen“ (2,2 Millionen Tote). Heute wird offiziell von über drei Millionen Vernichteten gesprochen: „Jeder Dritte“. Das offizielle Gedenken wurde durch ein 2021 eingeleitetes Ermittlungsverfahren zum ‚Genozid am weißrussischen Volk‘ neu unterfüttert. Durch die Öffnung verborgener Archive stieg die Zahl der dokumentierten Opfer und zerstörten Orte – von 9.200 auf mittlerweile 12.868 – drastisch an. Mindestens 300 von ihnen teilten das Schicksal von Chatyn – sie existieren nur noch als Erinnerungsraum.
Papko führt uns zu einer sechs Meter hohen Bronzestatue im Zentrum des Areals. Sie zeigt keinen heldenhaften Soldaten, sondern einen hageren, gebrochenen Vater, der den leblosen Körper seines Sohnes in den Armen trägt. „Dieses Denkmal bricht ganz bewusst mit dem klassischen, heroischen sowjetischen Siegeskult“, kommentiert Papko mit leiser Stimme. „Hier steht kein unbesiegbarer Rotarmist. Hier steht das nackte, ungeschönte Leid der Zivilbevölkerung.“
Sie lässt den 22. März 1943 Revue passieren. Am Morgen hatten Partisanen eine deutsche Kolonne angegriffen und dabei den Hauptmann Hans Woellke getötet – den Kugelstoß-Olympiasieger von 1936, der persönlich mit Adolf Hitler bekannt war. Die Vergeltung war prompt und grausam: Die SS-Sondereinheit Dirlewanger und das Schutzmannschafts-Bataillon 118 trieben alle 149 Einwohner – darunter 75 Kinder – in eine Scheune, verrammelten sie, umwickelten das Gebäude mit Stroh und übergossen es mit Benzin. Als das Dach in Flammen aufging, stürmten die Menschen in Todesangst ins Freie – direkt in die bereitstehenden Maschinengewehrsalven. 149 Menschen starben; das jüngste Opfer war ein sieben Wochen alter Säugling. Der einzige erwachsene Überlebende war der 56-jährige Dorfschmied Iosif Kaminskij. In der rauchenden Asche fand er seinen Sohn, schwer verletzt. „Papa, lebt die Mutter noch?“, fragte der Junge, bevor er in den Armen seines Vaters starb.
Papkos Blick ruht lange auf dem Boden. „Kaminskij musste das ertragen, was kein Vater je erleben sollte“, fügt sie stockend hinzu. Es ist eine Erinnerung an die vielen namenlosen Opfer – ein Gedenken an den Schmerz, der jenseits jeder militärischen Strategie liegt. Um dieses abstrakte Grauen menschlich fassbar zu machen, liegen die Exponate im Museum – ein alter Benzinkanister, Granathülsen, ein von Müttern aus Stofffetzen zusammengenähtes Kinderspielzeug – direkt im Boden unter dicken Glasscheiben, über die der Besucher hinwegschreitet.
Besonders eindringlich ist die Audio-Station, die die Geschichte der damals dreieinhalbjährigen Allotschka Morok erzählt. Sie verlor im Chaos der Bombardements auf Minsk ihre Mutter, geriet in ein deutsches Kinderheim – ihr ehemaliger Kindergarten, das sich als „Blutspenderlager“ entpuppte: Den wehrlosen Kindern wurde bei vollem Bewusstsein systematisch so lange Blut für verwundete Wehrmachtssoldaten abgezapft, bis ihr Herz vor Erschöpfung aufhörte zu schlagen. Allotschka überlebte und wurde kurz vor der Befreiung von ihrer Mutter wiedergefunden. Sie wurde später die Mutter von Artur Selski, dem langjährigen Direktor der Gedenkstätte, der den Komplex zeitlebens aus seiner eigenen Familiengeschichte heraus prägte. Unter seiner Führung wurde das 2023 eröffnete Museum konzipiert – es war der Höhepunkt seines Lebenswerks, bevor er 2025 verstarb. „Dieses Museum ist das Vermächtnis seiner Arbeit“, betont Papko. „Hier wird abstrakte Historie durch echte Familienschicksale lebendig.“
Das Gedenken ist mittlerweile gesetzlich unter dem Titel „Über den Genozid am weißrussischen Volk“ verankert – für das Team vom Museum weit mehr als bürokratische Routine, sondern ein existentieller Bildungsauftrag. Tatsächlich prägen Schulklassen das Bild auf dem Gelände. „Sie dürfen das nicht vergessen“, sagt Papko. Ihre Beobachtung: Wenn die Jugendlichen aus den Bussen steigen, sind sie oft noch laut – doch je tiefer sie in das Areal zwischen den stummen Betonschloten vordringen, desto leiser werden sie. Die staatliche Gedenkpolitik verfolgt einen kompromisslosen Kurs: Die Leugnung der Verbrechen sowie die Verwendung von Symbolen historischer Kollaborateure werden mit Haftstrafen geahndet. Während Papko darin eine Erziehung zur Verantwortung sieht, kritisieren Exil-Oppositionelle das Gesetz als Instrument zur Zensur, unter dem auch Symbole der Protestbewegung kriminalisiert werden. Die Mitarbeiter der beiden Gedenkstätten betonen die bleibende historische Verantwortung – ein geschichtliches Bewusstsein, das sich nicht durch wechselnde politische Konjunkturen auslöschen lasse.
Den Abschluss des Museums in Chatyn bildet der „Weiße Saal“, ein Raum, der einen radikalen Kontrast inszeniert: Nach dem lodernden Schrecken der stilisierten Scheune, in der das gesamte Dorf ausgelöscht wurde, empfängt den Besucher hier eine makellose, weiße Weite und eine tiefe Stille. Auf den Wänden sind die Namen der „Schwestern von Chatyn“ in erhabener Schrift verewigt – jene Hunderte Dörfer, die mitsamt ihrer Einwohnerschaft systematisch vernichtet wurden: Dremlewo, Rositza, Schunevka, Tristen und andere.
186 dieser Dörfer wurden nie wieder aufgebaut. In der Mitte des Raumes hängt eine gewaltige Glocke ohne Klöppel. „Sie schlägt nicht“, sagt Papko zum Abschied. „Ihre Stille ist das eigentliche Vermächtnis. Sie fordert uns auf, innezuhalten und das Schweigen derer hörbar zu machen, denen die Stimme gewaltsam genommen wurde.“
Zunehmende Feindseligkeit
Doch das europäische Selbstverständnis der Menschen, denen ich begegne, stößt auf eine harte geopolitische Realität. In den Gesprächen wird spürbar, wie die Sanktionspolitik und die zunehmende Feindseligkeit aus dem Westen Weißrussland aus seinem europäischen Kontext herauslöst und in eine existenzielle Abhängigkeit von Russland treibt. „Man lässt uns keine Wahl“, ist ein Satz, den ich immer wieder höre. Die Logik des Westens, das Land durch wirtschaftlichen Druck in die Knie zu zwingen, hat eine fatale Eigendynamik: Indem Handelswege blockiert und diplomatische Kanäle gekappt wurden, bleibt ökonomisch nur noch der Weg nach Osten. Die „Festung“, aus der sich die Weißrussen eigentlich herausentwickeln wollten, wird ihnen von außen als politischer Käfig aufgezwungen.
Die Gastfreundschaft, die ich in Minsk erfahre, wirkt in diesen Zeiten entwaffnend. „Kommt zu uns, besucht uns“, sagt eine Verkäuferin in einer Buchhandlung. „Wir wollen endlich wieder Normalität – Frieden und freundschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn.“ Nach all dem, was ich hier über ein Leid erfahren habe, das sich jeder rationalen Vorstellung entzieht, habe ich keinen Zweifel: Dieses Land wird alles tun, um eine Wiederholung des Erlittenen zu verhindern. Wenn hier Atomwaffen oder Raketensysteme stationiert werden, dann sei das – so erklärt es Igor Sekreta im Namen seiner Regierung – keine Aggression, sondern die Konsequenz einer erzwungenen Sicherheitslage.
Anna Papko führt uns zum Abschied in Chatyn zu einer massiven Marmorplatte. Ihre Inschrift atmet weder Rache noch Hass – sie ist ein reiner, dringlicher Appell an das Menschsein. „Ihr guten Menschen, denkt daran: Wir liebten das Leben, und unsere Heimat, und euch, ihr Lieben. Wir sind lebendig im Feuer verbrannt. Unsere Bitte an alle: Mögen Trauer und Schmerz sich in euren Mut und eure Kraft verwandeln, damit ihr den Frieden und die Ruhe auf Erden verewigen könnt. Damit von nun an nirgendwo und niemals im Wirbelsturm der Kriegsbrände das Leben stirbt!“
Die Geschichte mahnt nicht, sie schreit. Und das Schweigen im Westen darauf ist kaum noch zu ertragen. Inmitten der politischen Eiszeit bleibt die Hoffnung der Menschen auf Normalität – und der Wunsch, dass die Geschichte aufhört, sich in einer ewigen Schleife zu wiederholen.
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