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Wadephul auf Speed: Plötzlich vermissen wir Baerbock. Leibwächter, Zeigefinger, YouTube — so dummdreist ist Außenpolitik 2026

Think Tank 21-06-2026, 17:31 Politik, Persönlichkeiten

Vermutlich lag es am Klimawandel, eine andere Erklärung ist unmöglich. Hat uns nicht der Universalexperte Eckart von Hirschhausen, der von Klima ähnlich viel versteht wie von Medizin und von Humor, vor Kurzem über die Folgen der Hitze aufgeklärt? Im Zusammenhang mit der Fußball-Weltmeisterschaft wusste er zu berichten: „Es gibt Studien, die zeigen: Schon ab 28 Grad sinkt die Leistungsfähigkeit, und nicht nur im Körperlichen, im Rennen und den Muskeln, sondern auch so was wie Passgenauigkeit.“ Er sprach vermutlich von den Pässen, die man im Fußball zu schlagen pflegt, aber im Hinblick auf das Problem, ob seine Aussagen zur Realität passen, sollte man vielleicht einmal klären, wie heiß es während seiner Auslassungen im Studio gewesen sein mag.

Doch er wusste noch mehr zu berichten. „Es gibt Statistiken, Du schreibst zum Beispiel auch mehr Hassmails bei Hitze. Du drehst durch.“ Das kennen wir alle. Draußen steigt die Temperatur über 30 Grad Celsius, was es früher noch nie gegeben hat, und sofort juckt es uns in den Fingern, eine Hassmail abzusetzen statt zum Kühlschrank zu gehen und uns zumindest innerlich ein wenig abzukühlen. Man fragt sich, an welchen Testpersonen diese Studien durchgeführt wurden.

Leider keine Satire

Ich muss es aber zugeben: In gewisser Weise hat Hirschhausen recht. Vielleicht nicht in Bezug auf Hassmails, aber es gibt Phänomene in den sozialen Medien, die sich einfach nicht mehr rational erklären lassen, wenn man nicht die universale Erklärung des schädlichen Klimawandels heranziehen will. Den vielleicht durchschlagendsten Beweis für Hirschhausens These hat vor wenigen Tagen unser charismatischer Außenminister geliefert, Johann Wadephul, der gefragte Spezialist für Sitze im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Auf Instagram, genauer gesagt auf dem Instagram-Kanal des Außenministers, hat man ein Video veröffentlicht, das ich zuerst für eine etwas misslungene KI-generierte Satire hielt, das man aber wohl als echt betrachten muss.

Für alle, die es sich nicht antun wollen, hier eine kurze Beschreibung. Beschützt und begleitet von einem Sonnenbrille tragenden Leibwächter, der die begeistert tobende Menge mit knapper Not von seinem Minister fernhalten kann, betritt Wadephul einen Raum, in dem sich etliche Menschen tummeln, die allem Anschein nach Journalisten darstellen sollen. „Herr Minister!“ rufen sie alle lautstark und buhlen um die Aufmerksamkeit des besten Außenministers seit dem Abgang von Annalena Baerbock, der seinerseits gelassen und mit markigem Gesichtsausdruck zum Rednerpult schreitet, John Wayne hätte es nicht besser gekonnt. Mit enormer Entschlusskraft – so muss er es schon beim Kampf um einen Platz im Sicherheitsrat gemacht haben – sucht er sich einen der vorgeblichen Journalisten aus, deutet mit dem Zeigefinger auf ihn und ruft: „Sie!“ Selbst der wortkarge Clint Eastwood würde vor Neid erblassen.

Die Kamera schwenkt auf einen jungen Mann, der seine Frage immerhin ohne zu stottern vorbringen kann: „Ist Desinformation immer noch so ein Problem?“ In fast schon väterlich-gütigem Tonfall gibt Wadephul die erhellende Antwort „Ja“, woraufhin sofort wieder das verzweifelt-lautstarke Hintergrundrauschen der journalistischen Kleindarsteller anhebt, das der begabte Außenminister allerdings mit dem Auswählen eines neuen Fragestellers zum Schweigen bringt. Und wie? Natürlich indem er wieder seinen Zeigefinger und das „Sie“ einsetzt, das sind bewährte Werkzeuge.

Von Clint Eastwood auf Heinz Rühmann

Nun hat er eine Frau auserkoren, die ihn mit der harten und kritischen Frage konfrontiert, was man dagegen tun könne. Aber das kann unseren schlagfertigen Minister nicht aus der Ruhe kommen, er antwortet inhaltsreich und unverzüglich: „Da kommunizieren, wo die Menschen sind“, noch immer übrigens mit dem Antlitz eines Westernhelden, der kurz vor dem Showdown steht. Man muss kaum erwähnen, dass die neugierige Menge wieder in ihr Geheul ausbricht, bis Wadephul die letzte Fragestellerin auserkoren hat. „Was bedeutet das konkret?“ möchte sie wissen. Und nun zeigt sich das schauspielerische Talent des Außenministers in unüberbietbarer Weise. Sofort schaltet er um von Clint Eastwood und John Wayne auf Heinz Rühmann und Klausjürgen Wussow, breitet die Arme weit aus, als wollte er nicht nur alle Anwesenden, sondern auch noch die gesamte UN-Generalversammlung umarmen und verkündet voller Freude: „Ich bin jetzt auch auf YouTube!“ Und während die Menge ob dieser Neuigkeit in schier unerschöpflichen Jubel ausbricht, wird das Grinsen auf dem ministeriellen Gesicht immer breiter, er winkt in die Menge, hebt triumphierend den Daumen und applaudiert wem auch immer wofür auch immer. Jetzt wird noch eingeblendet, dass der Außenminister nun auch auf YouTube ist, und das Video ist an sein seliges Ende gelangt.

Wie heiß war es, als man dieses Video aufgenommen hat? Oder handelt es sich um eine Art Naturgesetz, das besagt, dass es im Außenministerium immer dann noch schlimmer kommt, wenn man glaubt, der Tiefpunkt sei bereits erreicht? Das fing spätestens 2017 an, als Steinmeier zum zweiten Mal Bundesaußenminister wurde, ging klaglos weiter mit der Ernennung von Sigmar Gabriel, dem sich der unvergessliche Heiko Maas anschloss. Dachte man schon bei ihm, man hätte nun den Abstieg hinter sich, wurde man mit dem Amtsantritt von Annalena Baerbock eines Besseren belehrt. Und nun das: Johann Wadephul, der es tatsächlich schafft, das bisherige Niveau noch zu unterbieten.

Wer kommt als Nächster?

Hier versagt meine Vorstellungskraft.

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