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Das Narrativ vom „russischen Hybridkrieg“: Belege, Anschläge und die Strategie der Spannung

9-10-2026, 09:45

von Dr. Peter F. Mayer

Kaum ein Tag vergeht in Europa ohne Drohnenalarm, Brand oder Blackout, der Russland zugeschrieben wird. EU- und NATO-Vertreter sprechen von einem unablässigen „Hybridkrieg“: Luftraumverletzungen, Sabotage, Brandstiftung, Cyberangriffe, gestörte Navigation.

Der italienische Publizist Thomas Fazi hat dazu am 7. Oktober 2026 die bislang ausführlichste kritische Sichtung vorgelegt. Seine Frage lautet nicht, ob Moskau Interessen verfolgt oder Geheimdienste unterhält. Sie lautet, ob die Belege die Erzählung tragen – oder ob die Erzählung selbst das Operationsfeld ist.

„In letzter Zeit vergeht in Europa kaum ein Tag ohne irgendeinen Drohnenalarm, Brand oder Blackout, der Russland angelastet wird“, schreibt Fazi. „Man sagt uns, diese Vorfälle seien Teil eines unerbittlichen ‚Hybridkriegs‘, den Russland gegen Europa führe. […] Stützen die Belege das Narrativ? Oder deuten sie eher auf einen ‚Hybridkrieg‘ – eine Kampagne psychologischer Kriegsführung –, den das EU-NATO-Establishment selbst gegen die eigene Bevölkerung führt?“

Zahlen ohne gemeinsame Definition

Als Beweis einer koordinierten Kampagne werden Datenbanken und Think-Tank-Berichte zitiert: das European Repository of Cyber Incidents, ein Datensatz der Universität Leiden, das Soufan Center, Auswertungen von Associated Press, CSIS, IISS und GLOBSEC.

Die Spannen sind groß. „Je nachdem, welchen Bericht man liest, hat Russland nach Februar 2022 irgendwo zwischen 52 und 255 Hybridangriffe in Europa durchgeführt – eine fünffache Streuung für das, was angeblich dieselbe Kampagne sein soll“, schreibt Fazi. „Das Soufan Center, das nur sechs Länder abdeckt – zwei davon, Moldau und Georgien, außerhalb der EU –, verzeichnet allein für 2025 mehr Vorfälle, als CSIS für drei Jahre über den gesamten Kontinent.“ Neuere Zählungen aus Kiew, etwa der Tracker des Sahaidachnyi Security Center, kommen auf über 500 „zugeschriebene oder musterkonforme“ Vorfälle seit 2022; ein NATO-Vertreter nannte gegenüber National Security News für 2026 eine noch höhere Dunkelziffer.

Der Unterschied liegt in der Definition. Das IISS räumt selbst ein, Hybridkrieg sei „ein amorpher Begriff“. Drohnensichtungen, die in den meisten Fällen später entkräftet wurden, treiben die hohen Zahlen; die meisten Berichte lassen sie weg, obwohl sie die öffentliche Erregung bestimmen. „Über diese Berichte hinweg besteht der Beleg, dass Russland hinter einem bestimmten Vorfall stand, gewöhnlich aus einem Nachrichtenartikel, der meldet, Beamte vermuteten es“, so Fazi. „Letztlich führen die meisten Wege zurück zum selben Pool von Medienberichten über offizielle Behauptungen – in den meisten Fällen von ‚möglicher‘ oder ‚wahrscheinlicher‘ russischer Beteiligung.“

Fälle, die unter Prüfung zerfielen

Der GPS-Alarm um Ursula von der Leyen im September 2025 ist das klarste Beispiel. Die Financial Times meldete, Russland habe das GPS ihrer Maschine über Bulgarien „rücksichtslos“ gestört; die Piloten hätten eine Stunde kreisen und mit Papierkarten landen müssen. Politico dokumentierte den anschließenden Zerfall der Geschichte.

Flightradar24 stellte fest, dass der Transponder über den gesamten Flug einen Navigationsgenauigkeitswert sendete, der keine Störung anzeigt, und dass die Maschine neun Minuten verspätet landete, nicht eine Stunde. Der bulgarische Verkehrsminister Grozdan Karadschow erklärte, nach den Aufzeichnungen der zivilen und militärischen Stellen gebe es „nicht eine einzige Tatsache“, die eine gezielte Unterdrückung des GPS-Signals stütze. Eine Richtigstellung in der Breite der Erstmelder blieb aus.

Im November 2024 wurden Kabelschäden in der Ostsee Russland zugeschrieben, unter anderem vom damaligen deutschen Verteidigungsminister. Später stellte sich heraus, dass Schiffe unter Hongkong- und China-Flagge die Schäden verursacht hatten; Peking räumte einen Unfall an einer Gaspipeline ein. Schweden fand keinen Beweis für Absicht. Der finnische Inlandsgeheimdienst SUPO weist darauf hin, dass Kabelschäden in der Ostsee typisch und meist auf Anker und Schleppgerät zurückgehen.

Im selben Monat stürzte eine DHL-Frachtmaschine in Vilnius ab. Außenministerin Annalena Baerbock fragte öffentlich, ob es sich um einen Hybridvorfall handle. Die litauische Untersuchung vom März 2025 nannte Pilotenfehler als Ursache; die Korrektur erreichte nicht die Reichweite der Ursprungsmeldung. Der Brand eines Umspannwerks, der im März 2025 den Flughafen Heathrow lahmlegte, wurde ebenfalls in die Hybridserie einsortiert. Monate später lag die Ursache bei mangelnder Wartung durch den privatisierten Netzbetreiber.

Die Drohnenwelle vom Herbst 2025 folgte demselben Muster. Die niederländische Zeitung Trouw prüfte knapp 60 weitere Sichtungen und fand „viel Panik und kaum Belege für russische Beteiligung“. Wo russische Drohnen nachweislich NATO-Luftraum erreichten, geschah das fast immer nahe der ukrainischen Grenze während Angriffen auf ukrainische Ziele – nach Fazi ein Nebenprodukt des Krieges nebenan, nicht eine eigene Kampagne gegen Europa. Zum Vorfall in Leipzig/Halle, politisch der folgenreichste der Serie, hat die Bundesregierung nach Fazis Stand noch keine öffentlich prüfbaren Belege für eine russische Urheberschaft vorgelegt.

Rumänien ist der informationspolitische Sonderfall. Im November 2024 annulierte das Verfassungsgericht den ersten Wahlgang, nachdem der EU- und NATO-kritische Kandidat Călin Georgescu vorn gelegen hatte, und berief sich auf eine TikTok-Kampagne mit angeblich russischem Hintergrund. Öffentlich vorgelegte Belege für eine staatliche Steuerung blieben aus. Die Annullierung selbst wurde zum Beleg der Bedrohung.

Was nach Abzug der Spekulation übrig bleibt

„Viele der am breitesten veröffentlichten Fälle angeblicher russischer ‚Hybridkriegsführung‘ – von der Leyens gestörtes Flugzeug, die Ostsee-Kabel, der DHL-Absturz in Vilnius, der Heathrow-Brand, die Drohnenwelle, die im Herbst 2025 über Europa ging, die rumänische TikTok-Kampagne – erwiesen sich als medienverstärkte Spekulation, die unter einfacher Prüfung zusammenbrach, wobei die Richtigstellungen, wenn es sie gab, einen Bruchteil der Berichterstattung der ursprünglichen Vorwürfe erhielten“, schreibt Fazi.

Übrig bleiben einzelne Sabotagefälle mit Verurteilungen. Polen verurteilte unter anderem 14 Mitglieder eines Netzes, das 2023 Hilfszüge in die Ukraine entgleisen lassen wollte, und 2025 drei Ukrainer wegen Zugehörigkeit zu einer Sabotagegruppe. „Zusammengenommen zeigen diese Fälle, dass einige echte Sabotageakte stattgefunden haben, aber während Nachrichtendienste in den westlichen Hauptstädten diese hybriden Aktivitäten Russland zuzuordnen pflegen, offenbart die tatsächlich vor europäischen Gerichten geprüfte Beweislage oft eine viel niedrigere operative Realität: bezahlte Proxys, anonyme digitale Führung und mehrdeutige Operationen, die selten dazu führen, nachweisbare Bindungen an den russischen Staat herzustellen. In keinem Fall ist ein russischer Amtsträger identifiziert, geschweige denn vor Gericht gestellt worden.“

Selbst wenn man jeden dieser Fälle Moskau zurechnet, bleibt nach Fazi eine Größenordnung von einigen Dutzend Vorfällen im Jahr, keiner davon mit Todesfolge, der Schaden auf einzelne Anlagen begrenzt. „Ein echtes nachrichtendienstliches Problem vielleicht, falls real; aber kaum die existenzielle Bedrohung oder der anhaltende totale Hybridkrieg, den europäische Führer routinemäßig beschwören – und nicht einmal annähernd vergleichbar mit der anhaltenden Kampagne von Drohnenschlägen, die NATO-Länder tief in Russland ermöglichen, auch gegen zivile Ziele, indem sie die Ukraine mit Aufklärung und Satellitenunterstützung versorgen und zunehmend mit den Drohnen selbst sowie mit Langstreckenraketen.“

Die Funktion der Erzählung

Fazi zieht daraus den Schluss, der den Text trägt. Ein Hybridkrieg finde statt – geführt vom EU-NATO-Establishment gegen die eigene Bevölkerung, als Strategie der Spannung. Die Serie nicht belegter oder zusammengebrochener Zuschreibungen halte die Erwartung eines bevorstehenden Krieges aufrecht, rechtfertige Aufrüstung, Ausnahmebefugnisse und die Ausgrenzung abweichender Parteien und liefere die politische Deckung für eine Industrie, die von der Bedrohung lebt. Helsing, Europas höchstbewertetes Rüstungs-Startup, steht bei ihm für die materielle Seite.

Gegenläufige Stimmen aus dem eigenen Lager bleiben leiser. Der finnische Präsident Alexander Stubb mahnte europäische Kollegen zur Ruhe. NATO-interne Lagebilder sprachen wiederholt von keiner unmittelbar bevorstehenden konventionellen Bedrohung. Gleichzeitig warnen dänische und baltische Dienste vor einer Probe in den kommenden Monaten, und Foreign Affairs beschreibt die Serie als neue, gefährlichere Phase. Die öffentliche Kommunikation trennt die beiden Ebenen nicht.

Fazi bestreitet nicht, dass Russland Cyberoperationen, Einflussarbeit und den Einsatz von Mittelsmännern betreibt. Er bestreitet, dass die öffentlich vorgelegte Beweislage die Erzählung von einem existenziellen Hybridkrieg trägt, und dass die Korrekturen dieselbe Reichweite haben wie die Alarme. Solange Zuschreibung, Gerichtsurteil und nachträgliche Entkräftung in der Berichterstattung nicht auseinandergehalten werden, bleibt die Strategie der Spannung das belastbarere Ergebnis als der Feldzug, den sie belegen soll.

Es lohnt sich, Fazis Artikel im Original zu lesen: The “Russian hybrid war” narrative: a new NATO strategy of tension?

Link zur Originalveröffentlichung.

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