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Der angebliche russische Propagandakrieg: Wenn die Daten den Narrativ widersprechen
13-10-2026, 09:30

von Dr. Peter F. Mayer
Das Narrativ vom „russischen Propagandakrieg“ wird wieder einmal gepflegt. Ukrainische Angriffe auf die russische Yandex-Plattform sollen AfD-Bots und pro-MAGA-Chatter lahmgelegt haben. Auf der Suche nach Belegen.
Kaum vergehen Tage, ohne dass Europa oder die USA von einem neuen Kapitel des angeblichen unerbittlichen russischen Hybrid- oder Propagandakriegs hören. Diesmal sollen ukrainische Drohnenangriffe auf Rechenzentren des russischen Techkonzerns Yandex angeblich massenhaft pro-AfD-, pro-Reform- und pro-MAGA-Chatter zum Zusammenbruch gebracht haben – ein vermeintlicher Beweis, dass Russland die angebliche „hard right“ in Europa und den USA steuert.
Wobei die Zuschreibung, das Russland pro „hard-right“ sei, allein schon schwachsinnig ist. Russland wurde zuletzt bekanntlich von Nazi-Deutschland überfallen – und mehr „hard-right“ als die Nazis geht nicht. Warum Russland seine Liebe dafür jetzt entdeckt haben soll, entzieht sich der Vernunft.
Die Angriffe auf Yandex-Rechenzentren
Zwischen dem 7./8. und 11. Oktober 2026 trafen ukrainische Drohnen drei Yandex-Rechenzentren: in Sasowo (Region Rjasan), Kaluga und Wladimir. Yandex bestätigte Schäden und Ausfälle; zahlreiche Cloud-Dienste, Zahlungsdienste und Anwendungen lagen zeitweise lahm.
Cloudflare Radar dokumentierte einen dramatischen Einbruch des automatisierten Traffics aus dem Yandex-Netzwerk AS13238 – zeitweise auf rund 0,4 Prozent eines zuvor gemessenen Höchstwerts.

Die Grafik oben illustriert den gemessenen relativen Rückgang des automatisierten Traffics aus dem Yandex-Netzwerk rund um die Angriffstage. Der Einbruch ist real und betrifft vor allem Suchmaschinen-Crawler und automatisierte Anfragen – nicht jedoch die vermuteten politischen Social-Media-Bots.
Der virale Claim: Bots für AfD und MAGA offline
Aus diesem Rückgang wurde auf Social Media blitzschnell ein Beweis konstruiert: Russische Propagandabots für die AfD, Reform UK und MAGA seien abgeschaltet worden. Der Post von @SamCKx fasste die Erzählung prägnant zusammen und erklärte „Patrioten“ für russisch gelenkt und leicht manipulierbar.
Der tschechische EU-Abgeordnete Tomáš Zdechovský teilte eine Grafik mit behaupteten Abstürzen um 30 und 56 Prozent bei der „täglichen Aktivität“ rund um die AfD und schrieb: „Sollte sich das bestätigen, wäre das aufschlussreich…“
Polnische Kommentatoren wie Jarosław Wolski sprachen von einem „de-russifizierten Internet“ und einem 56-prozentigen Einbruch der AfD-Unterstützung. Sogar Wolodymyr Selenskyj griff die These auf und sprach von weniger Hass und weniger Bots.
Die Grafiken und ihre Probleme
Die Grafiken und Schlussfolgerungen halten keiner näheren Prüfung stand. Die virale AfD-Grafik nennt weder Quelle, Plattform noch Definition der „Aktivität“; ihre Zeitachse reicht in die Zukunft (bis zum 15. Oktober), obwohl sie am 11. Oktober zirkulierte – ein starkes Indiz für KI-Generierung oder grobe Fehler.
Der Cloudflare-Einbruch betrifft primär Yandex’ eigene Suchmaschinen-Crawler und automatisierte Anfragen an Websites – nicht Social-Media-Accounts, die politische Inhalte posten. Experten wie antibot4navalny und andere Analysten betonen: Die Daten messen Netzwerk-Requests, nicht Troll-Farmen oder organische Engagements. Der gesamte russische Bot-Traffic (nicht nur AS13238) zeigte keinen vergleichbaren Einbruch.
Unabhängige Analysen widerlegen den Einbruch
Unabhängige Checks widerlegen den angeblichen Kollaps. Valdemar Osted Thread auf X von Common Consultancy, der über 17.000 Politiker-, Medien- und Zivilgesellschafts-Accounts in mehr als 30 Ländern und 50.000 Posts täglich monitort, verglich AfD- und MAGA-Accounts auf Facebook: Die Entwicklung lag im normalen Tagesrauschen (AfD −8 % bis +5 %, MAGA +4 % bis +10 %). Neue MAGA-Posts zogen sogar mehr Kommentare als Ende September.
Ähnliche Ergebnisse meldeten deutsche Analysten (u. a. Polisphere, CeMAS): Keine statistisch auffälligen Rückgänge bei AfD-Vorfeld-, pro-russischen oder Desinformations-Accounts auf X, TikTok und Telegram.

Die Vergleichsgrafik stellt die in viralen Posts behaupteten drastischen Rückgänge den tatsächlichen Beobachtungen unabhängiger Monitorings gegenüber. Die Differenzen liegen im Bereich normaler Schwankungen und stützen keinen „Bot-Kollaps“.
Das Muster des Narrativs
Wie beim bereits analysierten Narrativ vom „russischen Hybridkrieg“ (siehe TKP vom 8. Oktober) stützen die konkreten Belege die dramatische Erzählung nicht. Was vorliegt, ist ein realer Ausfall von Yandex-Infrastruktur und ein Missverständnis (oder gezielte Überinterpretation) von Netzwerkdaten.
Daraus wird eine Geschichte gestrickt, die rechte Bewegungen pauschal als russisch ferngesteuert darstellt – ohne dass die zentralen Behauptungen haltbar sind. Die Richtigstellungen erreichen selten die Reichweite der Ursprungsmeldungen.
Ob und in welchem Umfang Russland in westliche Diskurse eingreift, ist eine eigene Frage. Die hier verbreitete Version – ein quasi flächendeckender, durch wenige Server abschaltbarer Propagandakrieg – zerfällt bei genauerer Betrachtung der verfügbaren Daten. Was bleibt, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie schnell falsch gelesene Signale zu einem politischen Narrativ verdichtet werden.
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